Abenteuer Spiritualität (1)

„Spirituelle Reiseführer“, die die „lange geheimgehaltenen“ heiligen Orte nun dem Massentourismus zugänglich machen wollen, gibt es viele. Hierüber möchte ich aber nicht schreiben, sondern vier Reiseberichte vorstellen, die nicht immer mit konkreten Ortsangaben prahlen und somit eine Mischung sind aus Erlebnisbericht und Einladung, die Region(en) selbst einmal zu besuchen. Andererseits geht es auch um wohlbekannte Orte, die nicht von Geheimhaltung, sondern der Energie von Tausenden von Besuchern „leben“.

buch004Als erstes ist da Franjo Terharts „Unentdeckte Pyrenäen – Auf alten Schäferpfaden durch das Land der Katharer“, das ich durch den eBay-Filter „Katharer“ gefunden habe. Terhart war mir als Autor von Kinder- bzw. Jugendbüchern bekannt, hier lese ich nun, daß sein Interesse auch „west-östlicher Mystik“ und dem keltischen Kulturraum gilt. Das vorliegende Buch befaßt sich mit dem südfranzösischen Raum mit Perpignan im Osten und dem Königreich Andorra im Westen. Im Norden findet sich auf der Karte vorne im Buch Carcassonne. Der Autor lernte diese Region durch einen Bekannten kennen, der sich südlich dieser bekannten Stadt im Tal der Aude ein Ferienhaus gekauft hat – abseits der Touristenströme im „Land der Katharer“. Hier trifft er Jean Maury, der angibt, aus einer alten Schäferfamilie zu stammen. Die Schäfer, die ihre Herden hoch in die Vorhügel der Pyrenäen führen, kennen die alten Wege und bewahren (im doppelten Wortsinn) somit auch Traditionen. Maury gibt z.B. an, den Fluchtweg der vier legendären Katharer zu kennen, die aus der belagerten Burg Montségur im Jahre 1244 entkommen sein sollen. 

Maury führt Terhart durch die Pyrenäen, nimmt ihn mit auf die Schäferpfade. Der Autor berichtet über die Pyrenäen als Gebirgszug, der im geschichtlichen Sinne sowohl „Schranke“ als auch „Pforte“ sei. Ausführlich stellt er die Katharer vor, nennt die Begriffe, die fallen müssen, wenn man über das Thema spricht: die Vollendeten, die „endura“, Montaillou – das Dorf, über das Emmanuel LeRoy Ladurie anhand von Prozeßakten der Inquisition berichtet hat. Terhart kommt hier gelegentlich etwas ins Schwärmen („…nahmen sie alles in Kauf, denn niemand war freier als sie“), aber das mag man nachsehen. Auf Montségur wird näher eingegangen, alles eingebettet in die Wanderungen des Autors mit seinem französischen Begleiter.

Nach dem ersten Drittel des Buches, das als Einführung dient, wechselt Terhart zu Tagebucheinträgen, die er während der Wanderung geschrieben hat. Er beschreibt den Alltag und philosophiert vor sich hin: „Der Sinn der Berge … ist es, dass wir andächtig werden.“
Nebenbei werden Anekdoten seines Führers, Infos über das Schäferdasein und Hütehunde, lokale Sagen und Liebesgeschichten beschrieben, alles sehr abwechslungsreich. Terhart schreibt, er sei in die Klöster der Pyrenäen regelrecht verliebt, so daß er den Leser mitnimmt zum Besuch eines der wohl bekanntesten: dem Höhlenkloster San Juan de la Peña.
Nach dem Ende seiner Wanderung mit Maury erfahren wir noch etwas über die „Cagoten„, eine rätselhafte Menschengruppe, die Terhart gut in diesem Licht der kaum greifbaren Fakten darstellt. Mit einem Abschlußessen in Roussillon mit u.a. Maury endet das Buch. Natürlich muß die Frage an Jean Maury kommen: Gibt es heute noch Katharer? Er meint: nicht als Sekte, aber „im geistigen Sinne ganz bestimmt“.

Terhart ist ein guter Schreiber, der unterhaltsam formuliert und Ereignisse wie auch Personen, über die wenig sichere Fakten bekannt sind, in einem mystischen Licht erscheinen läßt. Man spürt, daß viel von Terharts eigener Begeisterung für die Pyrenäenwelt in das Werk eingeflossen ist und zur Atmosphäre beiträgt. Alles in allem sehr unterhaltsam und sicher auch als Anregung für vertiefende Lektüre geeignet.

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