Abenteurer Spiritualität (2)

buch003Auch vom Tonfall her anders ist ein weiteres Buch über diese Pyrenäenregion: „Im Zeichen des Grals – Erlebnisse in Nordspanien und den Pyrenäen“ von Oliver Ritter. Der Autor, den ich vorher von seinen Arbeiten über Geschlechteridentität und -rollen her kannte (Magische Männlichkeit / Mysterium Weib), nimmt den Leser hier mit auf eine Reise zu den Gralsmythen – bei denen es, wie auch bei Terhart, ebenfalls um die Katharer geht. Ritter startete seine achtwöchige Reise auf dem nordöstlichen Teil des Jakobsweges (konkret in Roncesvalles, dem Endpunkt der ersten Etappe für die Pilger, die vom südfranzösischen St.-Jean-Pied-de-Port gestartet sind), von wo er sich mit einigen Abstechern in Richtung Norden weiterbewegt, über die Pyrenäen hinweg. Der Klappentext verspricht: „In diesem Buch verschränkt sich die Darstellung der Mysterienstätten mit Meditationen, kulturellen Betrachtungen, Schilderungen von Bergabenteuern und der Begegnung mit ungewöhnlichen Menschen.“

Dem Geist des Rolandsliedes spürt Ritter im nebelverhangenen Tal bei Roncesvalles nach, wohin er entlang der ersten Etappe des Jakobsweges vom südfranzösischen Saint-Jean-Pied-de-Port wandert. Entlang der Pilgerstrecke geht es nach Puente la Reina, der „Brücke der Königin“, und weiter zum Kirchlein von Eunate, das mit seinem achteckigen Grundriß schon immer zu Spekulationen eingeladen hat. Man spricht davon, daß es eine „Totenkirche“ gewesen sei, für Pilger, die auf der beschwerlichen Reise nach Santiago gestorben sind. Andere, so auch Ritter, sehen das Gebäude mit dem Templerorden verbunden.
Oliver Ritter schreibt anders als Franjo Terhart, dunkler, mystischer, individualistischer, magischer… Während Terhart dank des Einheimischen Maury zum gesprächigen Reiseführer wird, erscheint der Bericht Ritters als sehr persönlich, tief, berührend.

Nach Eunate weicht Ritter vom Jakobsweg ab und „treibt sich herum“ in der Sierra, dem Landstrich nördlich Zaragozas mit dem Nationalpark Sierra de Guara, Zitat: „Ich habe den Reichtum einer durch und durch armen und ausgemergelten Landschaft kennengelernt – den seelischen Reichtum.“ Er beschreibt die wortkargen Menschen in den verstreuten Dörfern in der ockerfarbenen Landschaft, das asketische Element, das sich mit tiefer Religiosität verbindet, Zitat: „Die Gleichgültigkeit des Spaniers gegenüber dem Diesseits einschließlich seines Ichs, seine Genügsamkeit wie sein Stolz und seine glühende Seele wurzeln im Geist der Sierra.“

Weiter geht es nach Norden zu Kirchen, die Ritter zum Anlaß nimmt, den Unterschied zwischen Romanik und Gotik zu erklären. In einer sehr poetischen Sprache kann man seinen Ausführungen folgen, wonach Offenbarung dem zuteil werde, der Augen und Ohren verschließe, der in die Tiefe und Dunkelheit gehe, dem Mystiker. Die heutige, laute und „ausgeleuchtete“ Welt habe den „heimlichen Raum ins Un-Heimliche geweitet“. Er bricht eine Lanze für die Romanik, die „das Ewige gegenwärtig“ mache. Das Chrismon (Christusmonogramm) verbindet das Kreuz mit alter Symbolik wie dem Sonnenrad und verändere spirituell gesprochen die Person Jesu zum Urprinzip des „Lichts, das in der Finsternis leuchtet“. Nach einer kritischen Betrachtung über das Kreuz als Symbol einer Religion entführt uns auch Ritter zum Kloster San Juan de la Peña, um im Anschluß zu einer längeren „Meditation über den Weg“ zu kommen. Wille und Weg, das Leben als Kreuzweg, der Mittelweg – herrliche Lektüre, geistreich und inspirierend. Von den Wegen der Gralsritter spannt sich der Bogen bis zum „Weg zum nächsten Briefkasten“, der auch zum Pilgerweg werden könne. Zum Begriff des Tao schreibt Ritter: „Das chinesische Zeichen setzt sich zusammen aus dem Zeichen ‚Kopf‘ und dem Zeichen für ‚gehen‘. Die Idee wäre demnach: ‚bewußt gehen‘ oder ‚bewußter Weg‘. Das aber heißt nichts anderes, als das ‚Licht des Himmels‘ in sich zu tragen, das ‚zwischen den Augen wohnt‘.“

Der Pyrenäenübergang wird bei schlechtem Wetter für Ritter fast zu einem Verhängnis, bevor es hineingeht ins alte „Occitanien“, dem Katharerland. Hier verbindet der Autor Katharer-Mythen mit denen des Grals und der Tempelritter. Otto Rahns Forschungen, Wolframs Gralsdichtung als Schlüsselroman über die Katharer … diese Melange muß man mögen wollen. Ritter besucht die wesentlichen Orte, z.B. die Grotte von Lombrives, und trifft einen Neffen von Antoine Gadal, der z.T. mit Otto Rahn die Geschichte der Katharer erforscht hat. Von diesem anonym bleibenden Mann erfährt Ritter geheimnisvolles über die Katharer und deren Ritus des Consolamentums, das quasi ein Einweihungsweg in einem höhlenartigen System im Berg von Ussat-Ornolac (gewesen) sei. Grotten mit doppeltem Ausgang seien Einweihungsgrotten, in einer von denen Ritter eine Gralsdarstellung sieht: der Gral in Form einer „strahlenden Sonne“ im Zentrum eines Bildes mit weiteren Symbolen wie Schwert und Lanze.

Und natürlich muß auch hier die Frage kommen, ob es heute noch Katharer gibt. Der als Monsieur Dauphin anonymisierte Neffe Gadals bestätigt: man könne große Mysterien niemals ausrotten. Er geht sogar noch weiter: Gadal selbst sei der letzte „katharische Patriarch“ gewesen, der sein Amt 1957 an die Rosenkreuzer übergeben habe, was kritisch umrissen wird. Ritter lernt einen jungen Deutschen kennen, der „Katharer ist“. In Gesprächen über die Bedeutung von Höhlen und Initiationsriten kommt man wieder auf Otto Rahn zurück, der, wie Dauphin anmerkt“, „dabeigewesen“ sei, also Kontakt zu Katharern hatte. Man geht heute davon aus, daß Rahn aufgrund seiner Homosexualität von der SS-Führung zum Suizid getrieben wurde. Dauphin läßt eine andere Deutung anklingen, wenn er davon spricht, daß Rahn „aus Buße“ seine „endura“ nachgeholt habe und dabei gestorben (verhungert) sei.

Man spürt an dieser Stelle im letzten Drittel des Buches, wie die Reise des Autors vom wahllosen Wandeln auf verschiedensten Wegen zu einem Ankommen wird. Sowohl Dauphin als auch der junge Katharer bestätigen Ritter eine Art spiritueller Verbundenheit mit den Katharern. Das Thema Höhlen und Initiation wird dominanter und mündet in einem Besuch bei einer Grotte, wo heutige Katharer in völliger Abgeschiedenheit eine Woche verbringen, die den Abschluß ihrer Einweihung darstelle. Dem Leser tut sich eine geheime Welt auf: es gibt offenbar noch katharische Vollkommene (Parfaits), die verstreut über das Languedoc leben – und auch Dauphin ist einer von diesen. Des weiteren gibt es moderne Katharer, die sich für unglaubliche 40 Tage in einer extrem engen Grotte einschließen lassen, um aus diesem „Felsengrab“ als neuer Mensch hervorzugehen.
Andererseits wird es mir als Leser zu abwegig, wenn es dann um Elementargeister geht, mit denen der besagte Katharer in Verbindung zu stehen vermeint.

Das Buch klingt aus mit Besuch von und Betrachtungen zu Montségur und dem Kirchlein in Rennes-le-Château, um das sich geheimnisvolle Gerüchte ranken, z.B. in Kürze in der Wikipedia nachlesbar. Der Abbé Saunière wollte, so erfährt Ritter vor Ort, eine „neue Religion gründen“, ein „Grals-Christentum mit Maria Magdalena als Mittelpunkt“. Der Autor fragt analog des Bestsellers von Lincoln / Baigent / Leigh, ob Maria Magdalena die Personifikation des Grals ist, ob sie das „köngliche Blut“ gleich einem Gefäß empfangen und weitergegeben habe. Hieraus hätten sich Herrscherlinien legitimiert und so steht am Ende des Buches die Frage, ob auch für unsere Zeit die Vision eines „weisen Monarchen“, eines „Priesterkönigs“ sinngebend sein könnte.

Ritters Buch ist ein Rundumschlag im Themenbereich, der Autoren wie Dan Brown (Sakrileg, Inferno u.a.) berühmt gemacht hat. Vieles ist mir zu spekulativ, anderes aufregend neu und anregend im Sinne einer künftigen Beschäftigung damit. Wer diese Melange, die man unter dem Stichwort Mystik subsumieren könnte, mag, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.

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