Anders leben

Wer anders leben will, oder auch nur darüber nachdenkt, empfindet eine Unzufriedenheit mit dem Status Quo. In der letzten Zeit denke ich oft darüber nach, was für mich persönlich Lebensreform jenseits ihrer historischen Dimension bedeutet. Ein Aspekt ist dabei immer wieder das „einfache Leben“, der Konsumverzicht.
Ich habe mir dazu auf Youtube zwei Dokumentarfilme angesehen, in denen alternatives Leben auf unterschiedliche Weise (mit Überschneidungen) umgesetzt wird. In „Gutes Leben – ohne Konsum?“ werden zwei Familien mit Kleinkindern porträtiert, die das Leben in einer herkömmlichen Wohnung oder gar einem ganzen Haus aufgegeben haben: Familie 1 zog in eine Jurte, Familie 2 baute sich selbst ein sogenanntes „Tiny House“ – beides Wohnmöglichkeiten mit nur einem Raum und wenigen Quadratmetern Wohnfläche. Dabei zieht Familie 2 das aus meiner Sicht bessere Los, indem sie Anschluß an ein alternatives Wohnprojekt findet, während die erstere den ursprünglichen Gutshof verlassen muß und auf einem Campingplatz als Dauercamper (mit Jurte) „landet“. Hier, wie auch im zweiten Film schaue ich mit Bauchgrummeln auf die Kinder, die den Lebensidealen ihrer Eltern „ausgeliefert“ sind (die Tochter der Familie auf dem Campingplatz: „Im Sommer kommen dann die Kinder.“). Die beiden Familien im Film haben noch keine schulpflichtigen Kinder, aber ich kann mir gut vorstellen, daß diese Kinder ähnliche Fremdkörper in der Schule sein werden wie die Kinder der Sannyasin-Gruppe in der Komödie „Sommer in Orange“. Letztlich brauche ich nur auf meine eigenen Kinder und unsere Versuche in alternativer Religion zu schauen: ich bin für mich in ein anderes Fahrwasser abgebogen, aber für die Kinder war dies schwierig. Das Fundament aus Ritualen und Gemeinschaft fiel plötzlich weg… Doch mit den gestern erhaltenen Ethiknoten (beide „sehr gut“) haben wir als Eltern wohl nicht alles falsch gemacht… 😉

Soll auch heißen: „anders leben“ als permanentes Verlassen des Ortes, an dem ich jetzt lebe, ist für mich keine Option (mehr).
(Da kommt natürlich noch die Dimension des Geldverdienens hinzu, denn das, was ein für mich angenehmer Lebensstandard ist, kann ich nur durch meine Arbeit aufrechterhalten. Soll auch heißen: dieser erste Film hat Gesellschaftsausstieg zum Thema, was aber nicht unbedingt auch lebensreformerisch sein muß, denn ohne die eigenen Ideale, die eigene Reformation auch in ihren / ihrer gesellschaftlichen Relevanz wahrzunehmen, kann es keine im historischen Sinne lebensreformerische Praxis geben. Beide Familien in diesem Film gehen Sonderwege, nehmen von der Gesellschaft, was noch paßt (Kindergeld …), stehen ansonsten aber außerhalb.)

„Weniger ist mehr – vom Trend, mit nichts glücklich zu sein“  befaßt sich eher mit dem Thema Besitz unter dem Aspekt der sehr erfolgreichen „Simplify-your-Life“-Bewegung. Ich verfolge schon länger das Blog EinfassBewusst von Christoph, auch wenn ich mit dem veganen Thema wenig anfangen kann (Überschneidungspunkte sind Alpenüberquerung / Pilgern).
Diese Form von Konsumverzicht ist für mich sehr attraktiv. Ganz konkret bin ich damit in Berührung gekommen, als ich mich auf den Jakobsweg vorbereitete. Letztlich hatte ich eine Ausrüstung zusammengestellt, die mit unter 12kg Gesamtgewicht alles beinhaltete, um ca. 6 Wochen leben zu können. Ich habe eben mal schnell nachgezählt: das sind ungefähr 100 Gegenstände auf der Packliste – je nach Zählung. Nach der Rückkehr vom Camino hatte ich ganz massiv das Gefühl, in ein Haus zu kommen, das viel zu viel Gerümpel enthält. Ich räumte auf, warf ganz bewußt nicht mehr benötigtes weg. Auf dem Pilgerforum letzten Sommer erzählte ich davon und eine Frau gestand, ihr sei es genauso ergangen, aber sie habe darüber noch nicht gesprochen.
Wenn ich mich so im Haus umsehe, dann gehören mir persönlich gar nicht so viele Dinge. Aber ich könnte doch noch gut reduzieren. Problematisch wird dies v.a. bei den Büchern, denn zum einen bin ich bibliophil und liebe „greifbare“ Bücher aus Papier, zum anderen gibt es viele der speziellen Titel nicht als Kindle eBook. Letztlich ist ein gefülltes Regal auch Lebensqualität. Aber ich glaube, ich werde in der nächsten Zeit einmal Raum für Raum durchgehen, meinen Besitz erfassen und zu schauen, was ich wirklich brauche. Eigentlich praktiziere ich das schon ganz gut im Rahmen der Kleidung. Ich bin alles andere als Kleidungsfetischist: ich komme mit drei Paar Schuhen und zwei Jeans gut durchs Leben – auch wenn es dann doch ein bißchen mehr ist. Vor allem möchte ich konsequenter verkaufen, also Dinge, die nur herumstehen, wie z.B. ein paar Brettspiele, auf Ebay anzubieten.

Aber was ist das Ziel? Ich bin heute morgen nebenbei darauf gestoßen, daß dies ein passender Begriff ist: Harmonie. Ich würde es auch so formulieren: mit sich selbst im Reinen sein. Dazu benötige ich Klarheit und die habe ich, wenn ich überschaubare Verhältnisse habe. Und Überschaubarkeit heißt Reduktion des Zu-Vielen.
Der Harmonie-Begriff wird von Marc Cluet aufgegriffen im Vorwort zu „Lebensreform“ – Die soziale Dynamik der politischen Ohnmacht (Tübingen, 2013) und im Rückgriff auf Walter R. Sprondel, der von der Harmonie als „eigentlichem Heilsziel“ (der Lebensreformbewegung) schrieb. Übertragen auf den konkreten Alltag: Soviel Gerümpel, soviele unnütze Dinge um mich herum wahrzunehmen, das bedeutet Disharmonie, die sich auf mein Seelenleben auswirkt. Räume ich im Außen auf, dann räume ich auch das Innen auf.
Ich werde in den nächsten Wochen einmal meinen Besitz durchgehen, Raum für Raum, Listen von dem machen, was wichtig ist, anderes direkt verkaufen oder wegwerfen, sofern es nicht mehr zu gebrauchen ist. Davon berichte ich dann später … 🙂

2 Gedanken zu „Anders leben“

  1. Herzlichen Dank für das Echo.
    Hier ein schönes Zitat von Ida Hofmann (Monte Verità), das die These bekräftigt, dass „Harmonie“ der Schlüsselbegriff der Lebensreform war bzw. ist:
    „Werdet und schaffet ‚Menschen‘ im wahren Sinne des Wortes – Menschen höherer Lebensart und Gesinnung, und wie ein Glied einer Kette sich an das andere fügt, solche Wirkung nur solche Ursache hat, so schaffet Ihr Harmonie im Ganzen, wenn Ihr Harmonie im Einzelnem schafft.“
    Ich bringe das Zitat in einem Vortrag, den ich am 26. Juni in Paris halten werde,
    und zwar im Rahmen des 1. französischen Kolloquiums zum Thema „Monte Verità“.
    Sind Sie interessiert, schicke ich gern das Programm,
    sobald es endgültig feststeht. (In Bälde.)
    Danke für Ihre Arbeit + Herzliche Grüsse aus Paris,
    Marc Cluet

    1. Lieber Herr Cluet,
      vielen Dank für Ihre Rückmeldung und das schöne Zitat von Ida Hofmann, das sehr gut in meinen kleinen Einführungstext über die Lebensreform paßt. Das Kolloquium interessiert mich – nicht im Sinne persönlicher Teilnahme, sondern im Sinne eines Überblicks, welche Themen behandelt werden. Ich kann auch gerne hier in meinem Blog auf das Kolloquium hinweisen, sofern es für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
      Viele Grüße
      Volker Wagner

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