Den Affen vertreiben

Ich lerne ja nun erneut das Tai Chi Chuan im Yang-Stil. Je nach Zählweise kommt man bei diesem Stil auf eine unterschiedliche Anzahl von „Bildern“, damit ist nicht nur reine Figurenbeschreibung gemeint, sondern auch eine bestimmte Darstellungsweise. So heißt etwa Bild 6 „Der weiße Kranich breitet seine Schwingen aus“. Hierbei stellt man sich eben nicht nur „wie ein Kranich“ hin, sondern bewegt sich, stellt das Bild durch Haltung und Bewegung dar.

85 Bilder hat die „lange Freihandform“ des Yangstils nach der Zählweise meines Lehrers. Freihandform heißt, es werden keine Waffen wie Schwert oder Langstock verwendet. „Lang“ meint die ungekürzte Form, die sich durch viele Wiederholungen einzelner Teile auszeichnet. Es gibt eine mit weiteren Wiederholungen angereicherte 150er-Version, wie auch eine Kurzversion mit 38 Bildern. Die 85er-Form ist m.W. identisch in den Bildern mit der ebenfalls als „Original“ bezeichneten 108er-Form: die Abweichungen sollen in der Nummerierung der Bilder liegen. Mein Lehrer sagte einmal, er unterrichte im Grunde die gleichen Bilder wie die ITCCA, jedoch nur in einer Zählweise bis 85. (Infos zum Yang-Stil)

Die besagten 85 Bilder sind in drei Abschnitte aufgeteilt, die mit „Erde“, „Himmel“ und „Mensch“ überschrieben sind. Die Erde bildet die Basis, d.h. spätere Wiederholungen bauen auf Bildern aus dem Teil „Erde“ auf. Wer nun glaubt, daß je ca. 28 Bilder einen Teil ausmachen, der irrt. Teil 1 (Erde) hat 14 Bilder und nach Bild 39 ist mit dem zweiten Teil (Himmel) Schluß, d.h. 50% der Gesamtform fallen in den dritten Teil (Mensch). Das mag auch damit zu tun haben, daß dieser dritte Teil ein integrativer ist, der Yin-Formen (Erde) und Yang-Formen (Himmel) aufnimmt und in Einklang miteinander bringt.

Die ersten 25 – 30 Bilder habe ich seinerzeit mal gekonnt, aber nicht wirklich sicher. Das hatte damit zu tun, daß der Lehrer damals in der Form unterrichtete, daß er den gesamten Kurs auf einem Level halten wollte: jeder sollte die Form bis zum gleichen Punkt können, was auch bedeutete, daß man gemeinsam die Form üben („laufen“) konnte, was einen schönen Gruppeneffekt bedeutete.
Heute wird jeder Schüler an dem Punkt unterrichtet, an dem er ist. Jeder übt also unabhängig von den anderen seine Form bis zur Grenze seines Kenntnisstandes und erhält vom Lehrer individuelle Unterweisung, wie es mit dem jeweils nächsten Bild weitergeht. Das ist für mich wesentlich angenehmer, weil selbst ein verpaßter Kurstermin nicht bedeutet, daß man hinter den anderen her hinkt. Andererseits gibt es außer den Seidenübungen, dem Aufwärmen, dem abschließenden „Sammeln des Chi“ und der kurzen Standmeditation nichts, was die Gruppe gemeinsam macht.

Am Mittwoch bin ich nach dem Bild „Den Affen vertreiben“ zum „fliegenden, diagonalen Handschlag“ gekommen und danach kommt die erste längere Wiederholung aus dem ersten Teil, nämlich „Die Arme heben“, „Der weiße Kranich breitet seine Schwingen aus“ und „Das Knie streifen links“. Das Vertreiben des Affen ist ein raumgreifendes Bild, das aus fünf aufeinander folgenden Einzelsequenzen besteht, in denen man das erste Mal in der Form zurückgeht. Hier versteht man – neben den vorher schon deutlich großzügigeren Drehungen (um 135°, um 180°) – die Überschrift ‚Himmel‘ über diesem Teil. Daher folgt nun die erste Wiederholung von drei Bildern aus „Erde“, was man vielleicht auch als ‚Erdung‘ bezeichnen kann.

Mit diesem Kenntnisstand bin ich also beim Bild 21 angekommen – way to go

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.