Der pornographische Blick…

Trotz Regenwetter Sommerloch… Diese Woche ging es durch die Presse: Gregor Gysi bedauert das „Verschwinden der FKK“ in Deutschland. Nachlesbar u.a. beim MDR: mit Verweis auf ein Interview, das Gysi dem … Playboy gegeben hat. Und gegenüber diesem Magazin meint Gysi, daß die „Westmänner teilweise mit einem pornografischen Blick kämen“, so daß die Frau sich nicht wohlfühlen würde. Die DDR sei in dieser Hinsicht weiter als der Westen gewesen.
(Witzig ist ja, gegenüber dem Playboy den pornographischen Blick zu beanstanden…)
Als zweiten Grund führt Gysi die Hotelkonzerne an, die nur zu Investitionen bereit gewesen seien, wenn die Nackten „verschwänden“. Gysi bescheinigt der FKK „Niveau“ und daß sie „nicht wirklich erotisch“ gewesen sei.

Die Morgenpost greift das Thema auf und verweist auf Prof. Konrad Weller (Hochschule Merseburg) und dessen Forschungen. Dieser habe bereits 1990 eine Umfrage unter Jugendlichen der ehemaligen DDR gemacht, bei der nur 15% angaben, mit „FKK nichts am Hut zu haben“.
Zitat: „Ein knappes Vierteljahrhundert später wiederholte die Hochschule die Befragung unter Heranwachsenden. Inzwischen haben sich die Ansichten komplett gedreht. Die meisten Jugendlichen sagen mittlerweile, es sei für sie absolut undenkbar, sich an einen Nacktbadestrand zu legen.“ 

Interessant der Begriff der „Ventilsitte“, die Weller benutzt: FKK sei in der DDR das Ventil gewesen, sich gegen die Auflagen des Regimes auflehnen bzw. sich abgrenzen zu können. (Am darf allerdings nicht den Fehler begehen, FKK nur auf diesen Begriff zu reduzieren. FKK in der DDR hatte eben doch seine Eigenheiten auch in politischer Hinsicht.)

Der Stern weist noch darauf hin, daß sich Gysi in seiner Partei nun für FKK einsetzen möchte, obwohl er dies privat nur noch „zuhause“ praktiziere.

Lesenswert auch der SHZ-Artikel zum allgemeinen Rückgang der FKK. Der Berliner Kurier weiß, daß Gysis Thesen von Prof. Dr. Kurt Starke stammen – beide kennen sich wohl gut. Zitat Starke: „Wer damit aufwächst, dass Nacktheit sexualisiert ist und wie ein Striptease inszeniert wird wie in der alten Bundesrepublik, der geht in die Irre.“

Da ist was dran, aber das habe ich hier ja schon öfter geschrieben. Interessant auch, daß Starke die Mode der Schamhaarrasur anspricht: waren die Geschlechtsteile früher durch die Haare eher verborgen, liege heute alles offen, was wohl eher zum Hinschauen reizt.

Grundsätzlich finde ich den Begriff „pornographischer Blick“ sehr gut, denn er beschreibt genau die Herangehensweise an Nacktheit: entweder ich empfinde nackte Körper als natürlich oder ich geile mich daran auf. Geschaut wird am FKK-Strand, das ist eben auch natürlich, aber die Qualität des Blickens ist ausschlaggebend. Da muß man Herrn Gysi durchaus dankbar sein, den Begriff ins Sommerloch geworfen zu haben.

Im übrigen glaube ich nicht, daß es allein der pornographische Blick oder die „Ventilsitte“ ist, die zum Verschwinden der FKK führt. Ich habe es anderweitig schon geschrieben: für mich sieht es so aus, daß in dieser mit nackten Körpern gesättigten Gesellschaft eine neue Form der Prüderie bei den Jugendlichen Einzug hält. Gründe kann man sich dafür viele denken, sei es z.B. daß die Jugendlichen glauben, mit den überall zu sehenden Model-Körpermaßen nicht mithalten zu können und ihren „minderwertigen“ Körper schon gar nicht nackt am Strand präsentieren wollen. Es mag auch ein Sicherheitsaspekt dabei sein: Die Gesellschaft setzt auf Bedürfnisbefriedigung bei jedem Einzelnen, „ich darf alles, kann alles, bekomme alles“, aber Nacktheit bedeutet Vulnerabilität – und sich verletzbar zeigen (auch weil andere mal schnell ein Foto mit dem Handy schießen können), das will man nicht. Wie gesagt, einfach nur so als kurze Denkanstöße in die Runde geworfen.

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