Die Schönheit (Zeitschrift) – „Im Dienste klassischer Ideale“

buch031Wer sich mit der Lebensreform beschäftigt, v.a. mit der Freikörperkultur, der wird immer wieder auf die Zeitschrift „Die Schönheit“ als Quellenangabe stoßen. Erstmalig 1902 von Karl Vanselow im Verlag der Schönheit, Dresden, herausgegeben, wurde das Blatt über 30 Jahre zu einem führenden Medium für alles, was mit Schönheit – und Lebensreform – zu tun hatte. Dies formulierte man in der Startausgabe so:

„Für freie, vornehme Frauen und Männer bestimmt, soll die ‚Schönheit‘ eine moderne Zeitschrift im Dienste klassischer Ideale sein. Alles wollen wir pflegen, was das Dasein reizvoll, würdig und sonnig macht: Schönheit des Leibes, der Kleidung, der häuslichen und öffentlichen Umgebung, Liebe und Freude, Tanz und Spiel, Kunst und schöne Bildung, Gesundheit und Natürlichkeit, sittliche und gesellschaftliche Verjüngung.
Wir wollen das gesunde sinnliche Denken veredeln und verfeinern, und wollen die falsche Scham, wo sie gefährlich scheint, ernst und besonnen bekämpfen.
Möge jeder, der mit reinen Sinnen nach Schönheit strebt, sich an unseren Aufgaben beteiligen, mögen besonders die Frauen uns ihre Hilfe nicht fehlen lassen!“
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buch029Und so bereicherte die Zeitschrift Jahrzehnte die lebensreformerische „Szene“. Alle Ausgaben eines Jahres wurden offenbar in einem Jahresband zusammengefaßt. Hier entsteht etwas Unklarheit, weil die Schönheit nach anderen Angaben mit dem ersten Jahrgang 1905 erschien. Mir ist nun glücklicherweise der Band zum 25. Jubiläum der Schönheit, der Jahresband 1927, spottbillig in die Hände gefallen – und welch ein sauberes Exemplar das ist! 1,6kg, knapp 600 Seiten mit so unterschiedlichen Beiträgen, das man schon das eine oder andere Mal schmunzeln muß, z.B. über „Das Weib und der Eislaufsport“. Das Buch enthält etliche praktische Hinweise, z.B. zur schönen Raum- oder Gartengestaltung. Geschmückt ist es mit vielen Fotos nackter Menschen, mit Gemälden und Poesie. Schon beim einfachen Durchblättern fallen bekannte Namen wie Ludwig Fahrenkrog oder Meister Diefenbach ins Auge. Und wer meint, daß Nacktjoggen oder Nacktwandern eine Erscheinung des frühen 21. Jahrhunderts ist, der findet auf Seite 101 das „Wintersport in Amerika“ unterschriebene Foto eines nackten Skiläufers. 🙂

Ich weiß nicht, was genau es ist, das mich solch ein Buch wie einen Schatz in die Hände nehmen läßt. Es ist nicht nur die Antiquität, die Vorsicht, die man einem solchen guterhaltenen Buch entgegenbringt. Am ehesten würde ich sagen, daß es als Relikt einer anderen Zeit daherkommt, das mich im Eintauchen in seine Seiten auch ein stückweit in jene Zeit zurücktransportiert. Und „dort“ erlebe ich eine „ästhetische Mobilmachung“, Menschen im Aufbruch, eine Dynamik in Suche und Selbstfindung, im Ausleben von Individualismus und in Gemeinschaftsbildung. „Sonne im Herzen“, ein von meiner Oma oft gebrauchter Begriff, das transportieren diese Seiten in meinen Alltag – und doch weiß ich als heutiger Mensch, welche tragische Zeit kurz nach dem Einstellen der Schönheit begann. Folgte auf den Ersten Weltkrieg Gemeinschaftsbildung und Nationalbewußtsein, so folgte dem Zweiten nur Zusammenbruch: ein geschlagenes Volk kroch zum „Highlight“ (oder zur Mär?) des Wirtschaftswunders. Deutscher Fleiß, deutsche Pünktlichkeit, Pflichtgefühl und Machbarkeitswahn, „Sekundärtugenden“ mit denen man – ja, ein böses Zitat, aber auch alles, was den Deutschen unter den Augen der Sieger blieb nach dem Motto: auch das ist deutsch – und das können wir gebrauchen. Deswegen gibt es in Deutschland nach 1945 keine Literatur mehr, die so daherkommt wie die Schönheit vom Anfang des 20. Jahrhunderts, so verspielt, so idealistisch, so unschuldig Nacktheit zeigend, auch (zu) naiv in mancher Hinsicht und bezüglich bestimmter Themen. So sehr es sich lohnen mag, darüber zu diskutieren, wie die Ideen der Lebensreform in die heutige Zeit wirken, so sehr merke ich doch mit diesem Buch in den Händen, daß jene Zeit vorbei ist. Vielleicht ist das doch zu tragisch ausgedrückt, aber ich bin noch ein wenig rührselig über dieses herrliche Werk, das ich fast geschenkt erhalten habe.

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