Geschichte der FKK-Publikationen nach 1945

tobendNackt und tobend? Da stand der umsatzfördernde Titel wohl im Vordergrund, denn eigentlich ist dies ein Buch mit gemächlichem Tempo und viel Wortwitz: spannende Lektüre zur Geschichte der FKK-Literatur (konkret der bebilderten Hefte) im Nachkriegsdeutschland, einer Zeit, die der Autor als die „heroische“ im Sinne der FKK-Bewegung beschreibt, wohl weil sie einherging mit etlichen juristischen Auseinandersetzungen darüber, was wie im Bild dargestellt werden darf – und was „Schund und Schmutz“ ist. 

Man lasse sich vom Untertitel nicht täuschen – dies ist keine Geschichte der FKK-Bewegung als solcher. Neben der „heroischen“ Zeit ist der Autor aber doch der Meinung, daß die ganze Sache mit FKK ein „Pseudoereignis“ war – und das ab 1893 (bis ca. 1970). Pseudo, weil er davon ausgeht, daß es wesentlich mehr angezogene Konsumenten der mit Fotos illustrierten Heftchen als wirkliche Vertreter der Freikörperkultur in der Praxis gab. FKK bestehe, so später im Buch, zu 90% „nur aus dem medialen Echo“. Kurz stellt der Autor die FKK in der Einleitung vor, wobei er sich (wie in den Anmerkungen nachlesbar) v.a. an Vossen und Pfitzner (Der Naturismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Hamburg 1964) orientiert, also an älteren Darstellungen.

Dann geht es gleich in medias res, Theorie des Autors: Die beiden marktführenden Zeitschriften Sonnenland / Sonnenfreunde und Sonnenstrahl / Helios setzten den Standard, dann glichen sich alle anderen Zeitschriften an. Praktisch sieht das so aus, daß – oft nichts oder wenig mit dem Thema zu tun habende – Texte neben Nacktfotos stehen. Horst lobt insbesondere die Ausgaben in braun-weißer „Kupfertiefdrucktechnik“, die nah an fotografischer Qualität seien. Im Anschluß werden die Verlage vorgestellt, die hinter den Heften stehen. Auch hier wertet der Autor, benennt Favoriten und wenig erbauliches: „Die Frauen in Humana waren derartig fotografiert, dass man mit ihnen noch nicht einmal Federball spielen mochte. (…) Am Ende wurde aus Humana ein ziemlich lahmes Sexheft mit FKK-Bezug.“ 

In der Folge kommt Horst auf die Konflikte der Verlage mit dem Gesetz zu sprechen, denn 1953 wurde der sogenannte „Schmutz- und Schundparagraph“ eingeführt, was zur Indizierung von Schriften führte, die „durch Bild für Nacktkultur werben“. Das war natürlich so weit gegriffen – was blieb da noch? Erst 1958 entschied das Bundesverfassungsgericht, daß nicht alle FKK-Hefte per se jugendgefährdend seien. Horst führt durchaus schmunzelnd durch das Kapitel, insbesondere wenn es darum ging, daß Richter darüber zu entscheiden hatten, ob das Lächeln einer Frau auf einem konkreten Nacktfoto nun anzüglich zu deuten sei oder nicht. Aus heutiger Sicht schüttelt man da den Kopf. Einige der seinerzeit inkriminierten Bilder zeigt der Autor in seinem – im übrigen – reich bebilderten Buch. Ganz interessant übrigens zum Thema Kinderfotos: „Heutzutage denkt natürlich jeder bei nackten Kindern gleich an Kinderpornographie. Damals aber war man noch unbefangener. Die Kinder dienten zur Verharmlosung der Hefte.“ (!)

Von den Verlagen geht es in übersichtlicher Form zu den führenden Köpfen inkl. der „Alibi-Frau“ – das ist Therese Mülhause-Vogeler, an der Horst jedoch wenig Gefallen findet, da sie u.a. im „Stil eines Schulaufsatzes“ schreibe. Quer durch die Bank stellt er Personen vor, die z.T. erst nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig wurden, andererseits aber z.B. auch Ungewitter und Surén.

Im Kapitel „Sehnsuchtsorte“ werden die Plätze und Plätzchen vorgestellt, an denen FKK möglich war – unter besonderer Hervorhebung solcher Orte, die im eher warmen Süden liegen (daher Sehnsuchtsorte). Paradies der FKKler war demnach die Ile du Levant im Süden Frankreichs (auch Cap d’Agde), bevor der Balkan (insbesondere Kroatien) entdeckt wurde, Stichwort Hajo Simmler und Koversada.

Wenn Horst Fazit zieht, dann waren die kommerziellen Hefte „zu vierzig Prozent Erotika“, waren demnach verfügbar, bevor es im Nachkriegsdeutschland Pornos (oder auch nur den Playboy) regulär zu kaufen gab. Der DFK (Deutscher Verband für Freikörperkultur) sei auf Distanz zu den Verlagen gegangen, habe sich aber auch gegen „Sektierer, Spinner und Weltverbesserer“ gewendet, damit alle lebensreformerischen Ideale über Bord geworfen, so daß er zu einem reinen „Nacktbadeverein“ mutiert sei. Das sitzt. 😉
Passend zum Thema „Erotika“ geht es in einem weiteren Kapitel um Kleinanzeigen in besagten Heften, die ebenfalls oft mit doppeltem Sinn zu lesen waren. Beispiel gefällig?

„Raum Westerwald. Kath. Pfarrer wäre bereit, für drei- bis vierwöchigen Sommerurlaub in Südfrankreich zwei Jugendliche bis 14 Jahren (wenn möglich Geschwister) mitzunehmen …“

Nach weiteren Kapiteln zu Sonderheften, der Situation in Österreich, der Schweiz und der DDR kommt Horst im Epilog noch einmal auf Hefte wie „Jung und Frei“ zu sprechen. Sie seien zwar – seiner Meinung nach – für einen „pädosexuellen Leserkreis“ gedacht, jedoch von der Art der Abbildungen her völlig harmlos gewesen. Sein Wort in Gottes Ohr, ich sehe das anders.

Letztlich ist das eine Pflichtlektüre für jeden an FKK Interessierten. Dank klarer Gliederung und ansprechender sprachlicher Gestaltung liest sich dieses Buch in wenigen Tagen wie von selbst. Und wer nicht lesen will, darf als „Lehnstuhl-Nudist“ (Horst) auch nur die Bilder gucken.

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