Ich hab‘ die Nacht geträumet

Außersinnliche Wahrnehmung (ESP – extra-sensory perception) beschreibt Möglichkeiten des Erkennens (oder auch Manipulierens) von Sach(verhalt)en. Dazu gehören z.B. das sogenannte Hellsehen, die Telepathie, die Präkognition.
Bei der Präkognition handelt es sich um „Vorabwissen“, also um Erkennen von Dingen oder Situationen, die so in der Zukunft eintreten werden, ohne daß es eine bekannte, wissenschaftlich überprüfbare Möglichkeit gibt, dies zu belegen.
Eine Sonderform der Präkognition sind die sogenannten Wahrträume oder prophetischen Träume. Das bedeutet, daß man innnerhalb eines Traumes eine Situation erlebt, die später so eintreffen wird. Meist merkt man dann während des Erlebens der Situation, daß man „das schon geträumt hat“.
Eine weitere Sonderform der Präkognition ist das Erforschen der Zukunft mittels Orakel. So werden z.B. bei der einfachsten Version der (modernen) germanischen Runenweissagung drei Runen hintereinander gezogen. Die erste Rune steht im Hinblick auf die Fragestellung für die „gewordenen“ Dinge, für den unveränderlichen status quo. Die zweite Rune repräsentiert die aktuellen Entwicklungen, das „Werden“, den Augenblick sozusagen. Die dritte Rune steht nach allgemeiner Auffassung nicht für eine lineare oder kausale Zukunft, also für eine feststehende Entwicklung, sondern für Entwicklungstendenzen.

Der hier skizzierte Bereich der außersinnlichen Wahrnehmung interessiert mich als Randthema seit gut 30 Jahren. Im Rahmen der (neu-)germanischen Religion werden die Begriffe Orlog und Wyrd verwendet, um Schicksal, Urgesetz und auch eine Variation der Karma-Lehre zu erklären.
Ausgegangen wird dabei von einer unpersönlichen, aber sinnvollen Verbundenheit aller Dinge untereinander. Man kann sich dies als großes Netz vorstellen mit zentralen Knotenpunkten, aber auch ‚losen Enden‘. Das Netz gleicht einer Landkarte, auf der jedes Individuum verzeichnet ist. Die mit dieser Person verbundenen Menschen, aber auch die allgemeinen Lebensumstände erscheinen benachbart, allerdings ist der Begriff ‚Landkarte‘ zu statisch, denn es ist auch eine Bewegung von Ort zu Ort und durch die Zeit impliziert. Netz und Knotenpunkte, das heißt, es gibt ein Schicksal, das – ausgehend von der Ursprungsfamilie – dem Menschen zugedacht ist (Herkunft ist nicht beliebig). Im Bereich der germanischen Religion wird gesagt, daß die Nornen, halbgöttliche Frauen, den Kindern das Schicksal zuteilen. Gleichzeitig ist das Netz des Wyrd aber vom Individuum beeinflußbar – es gibt keine blinde Vorherbestimmung, kein im Moment der Geburt vorherbestimmter Untergang (aber doch so etwas wie eine gute oder schlechte ‚Ausgangslage‘).
Von den Knotenpunkten spreche ich als Zentren im Sinne von zentralen, das (individuelle) Menschenleben prägenden Ereignissen. Diese Knotenpunkte stehen m.E. fest, sind aber manipulier-, änderbar. Da in einem Netz Knotenpunkt auf Knotenpunkt folgt, könnte es theoretisch möglich sein, etwas über diese wichtigen Ereignisse vorab herauszufinden. Nicht alles, nicht jedes Detail, aber das grundlegende ’setting‘.

Ich war mit meinem Jüngsten nun drei Tage in der Kinderklinik zur OP-Vorbereitung. Wenige Nächte vorher träumte ich, daß ich mit ihm in einem Raum mit einem großen CT-Gerät war. Er lag bereits auf der Liege, ich stand mit einer Frau am Kopfende. Sie sagte im Traum, ich könne dort stehenbleiben, aber es sei vielleicht sinnvoller, ich würde mich an die Füße stellen, die Beine anfassen und so in Kontakt mit meinem Sohn bleiben, der offenbar etwas Angst vor der Untersuchung hatte.

Das zeigte der Traum wenige Tage vor dem Klinikbesuch und am gestrigen 8.6. traf dies so ein! Ich war überwältigt, denn ich hatte den CT-Raum genau so gesehen, wie er tatsächlich aussah. Ich stand mit der Frau am Kopfende, es entwickelte sich das Gespräch, später blieb ich mit Schutzschürze – wie geträumt – am Fußende der Liege während der Untersuchung dabei.
„Danach“, also nach solchen Momenten des Rückerinnerns an eine Vorabwahrnehmung, macht sich bei mir immer ein entspanntes Lächeln breit. Ich weiß dann, daß ich an einem Knotenpunkt „vorbeisegle“, daß ich mit mir und meinem Leben im Reinen bin, daß wichtige Dinge geschehen, die ich mitgestalte. Manches Mal glaubt man im Leben, man sei auf „Abwegen“. Ich meine, daß man nie „fokussierter“ ist als an diesen Knotenpunkten – „Seinsgewißheit„, ein herrlicher Begriff, den ich bei de Vries las.

Jan de Vries schreibt in Die Geistige Welt der Germanen (Darmstadt 1964): „Das germanische Sippengefühl gipfelt im Ahnendienst. Hier liegen die Urkräfte, aus denen die Sippe weiterlebt. Hier quillt in nie versiegender Fülle das Leben aller künftiger Geschlechter hervor (…) Im Augenblicke des Todes gilt aber ebenfalls, daß der Mann durch den Einsatz seines Lebens der Sippe eine gesteigerte Kraftfülle angedeihen lassen soll, damit sie ungeschwächt weiterbestehe. Wer für die Seinen stirbt, hat Herbert Cysarz in seinem schönen Buch ‚Das Unsterbliche‘ gesagt, der lebt nicht nur in ihnen fort; der fügt sich auch in das große Gesetz, das sich hier zugleich setzt und erfüllt, und wer sein Blut vergießt um des Dienstes, der Treue willen, besiegelt den Bund seines Lebens mit der unzerstörbarsten Seinsgewißheit.

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