Die Lebensreform

– eine Einführung von V. Wagner

Will man die Lebensreform vom Begriff her erklären, so meint ‚Leben‘ einen ganzheitlichen Ansatz – alle Bereiche des menschlichen Lebens, des Körpers und Geistes, werden einbezogen, wobei aus dem guten Umgang mit dem Körper ein allgemeines Wohlbefinden resultieren sollte. Klaus Mann formulierte: „Angesichts einer Götzendämmerung, die das Erbe von zwei Jahrtausenden in Frage stellt, suchten wir nach einem neuen zentralen Begriff für unser Denken, einem neuen Leitmotiv (…) und wir fanden den ‚Leib‘.“ (in: D. Kerbs / J. Reulecke: Handbuch der Deutschen Reformbewegungen 1880 – 1933, Wuppertal 1998)

Reform‘ meint langsame, nachhaltige (eher private) Veränderung – das Gegenteil von Revolution. Dies ist aber nicht nur auf der individuellen Ebene zu verstehen: „Lebensreform ist Selbstermächtigung des Individuums zur Veränderung der Gesellschaft, und zwar beginnend bei sich selbst und bei der Veränderung der eigenen Lebensweise (… die) von vornherein auf Signalwirkung und Vorbildfunktion angelegt (ist).“ (in: Grund, Uta (Hrsg.): Unweit von Eden, Tagung zur Konzeption des Museums der deutschen Lebensreform; Potsdam (Verlag für Berlin-Brandenburg), 2000)

Das Zitat zum „Leib“ verweist auch darauf, daß die Naturheilkunde, also insgesamt Reformen medizinisch-hygienischer Art am Anfang der Lebensreformbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts standen; der Begriff als solcher wurde in den 1890er Jahren erstmalig benutzt. Erst später folgten sozialpolitische Reformen wie auch solche weltanschaulich-religiöser Art, die als die drei großen thematischen Bereiche der Lebensreform angesehen werden können. Es ist eine Wandlung auszumachen: was in den Anfangsjahren als ’natürlich‘ bezeichnet wurde (’naturgemäße Lebensweise‘), wurde später ‚lebensreformerisch‘ genannt. Gleichzeitig wurde die ‚Lebensweise‘ zur Lebenskunst, wandelte sich die Dominanz medizinisch-naturheilkundlicher Themen hin zu ästhetischen: „So wurde aus einer (…) die üblen Folgen der Industrialisierung teilweise richtig erkennenden Bewegung folgerichtig eine reformerische Persönlichkeitsstilisierung, die Kunstwartbestrebungen mit Nackttänzen, Vegetarismus mit Jugendstil und Urchristentum mit dem Siedlungshäuschen verband.“ (J. Frecot / J. F. Geist / D. Kerbs: Fidus 1868 – 1948, Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen, Zweitausendeins 1997)

Und weil sie so präzise ist, möchte ich gleich diese Kurzdefinition der Lebensreform von Michael Grisko hinzufügen: „Gesellschaftskritische Momente im Verbund mit einer behutsamen und vor allem ‚kleinen‘ Reform bestehender Verhältnisse und die Ausbildung einer hedonistischen und auf Differenz abzielenden Lebenspraxis verbanden die unterschiedlichen Teilbewegungen bis zu ihrem Verbot (gemeint ist konkret die Freikörperkultur, V. Wagner) im Jahr 1933.“ (M. Grisko: Freikörperkultur und Lebenswelt, Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Freikörperkultur in Deutschland, Kassel University Press 1999)

Die Reform ist also zuerst, wie oben bereits erwähnt, zu verstehen als Selbstreform, diszipliniertes Arbeiten mit dem eigenen Körper im Hinblick auf die gewünschten Veränderungen: „Denn Lebensreform ist vor allen Dingen Selbstreform; sie hat bei der eigenen Person und im eigenen Hause zu beginnen.“ (Friedrich Landmann, in: Frecot / Geist / Kerbs, a.a.O.)
Dennoch steht die Selbstreform am Anfang einer gewünschten Entwicklung hin zu politischen Änderungen – und sie kann in einer Gemeinschaft betrieben werden. Charakteristisch für die Lebensreform ist eine Vielzahl subkultureller Gruppierungen (Vereine, Kommunen, Siedlungen …). Von der Grundhaltung her ist es eine idealistische Bewegung, eine Sinnsuchbewegung, die manchmal auch abwertend als ‚Flucht in die Innerlichkeit‘ / ‚Kult der Innerlichkeit‘ bezeichnet wurde.
Ida Hofmann, Mitbegründerin der Kommune auf dem Monte Verità, schrieb in diesem Sinne: „Werdet und schaffet ‚Menschen‘ im wahren Sinne des Wortes – Menschen höherer Lebensart und Gesinnung, und wie ein Glied einer Kette sich an das andere fügt, solche Wirkung nur solche Ursache hat, so schaffet Ihr Harmonie im Ganzen, wenn Ihr Harmonie im Einzelnen schafft.“ (zit. n. persönlicher Mitteilung von Marc Cluet)
(Historische) Lebensreform war auch der Versuch der Kompensation der gescheiterten Revolution von 1848 verbunden mit dem Aufbau dieser kleinen, zunächst privaten Kreise: „Hier wird deutlich, wieviel enttäuschte, brachliegende politische Energie umgeleitet wurde in den Aufbau der eigenen Persönlichkeit um der ‚Idealität‘ willen, in den Aufbau überschaubarer Wirkungskreise, deren Idealform der Verein ist …“ (Frecot / Geist / Kerbs, a.a.O.)

Dem Ursprung nach ist die Lebensreform bürgerlich, dem „bürgerlichen Jahrhundert“ (19. Jhd.) entsprungen; sie wurde weitgehend von der bürgerlichen Schicht getragen, war jedoch bei weitem nicht auf sie begrenzt. „Lebensreformerisches Denken und mehr noch Empfinden war mit unterschiedlichsten politischen und ideologischen Positionen vereinbar und konnte daher in divergierende Richtungen ausstrahlen, in sozialistische, anarchistische und pazifistische ebenso wie in spiritistisch-okkultistische und völkisch-antisemitische. Mit all diesen Richtungen hatte die Lebensreformbewegung eine tiefgreifende Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen gemeinsam.“ (Janos Frecot, in: K. Vondung: Das wilhelminische Bildungsbürgertum, Zur Sozialgeschichte seiner Ideen, Vandenhoeck & Ruprecht 1976)

Dem Fokus auf den gesunden Körper entspricht ein solcher auf die Natur. „Während das 18. Jahrhundert Gott durch die Vernunft ersetzt, wird nun der Vernunft die Natur als gleichrangig an die Seite gestellt: d.h. der Instinkt, das Gefühl für das Richtige, die Intuition.“ (Frecot / Geist / Kerbs, a.a.O.)

Und diese Intuition, das Bauchgefühl, ist es, das die Lebensreformer ihre Kritik an den bestehenden Zuständen formulieren läßt: an Urbanisierung und Industrialisierung, an Kapitalismus wie Kommunismus, an Materialismus und Massengesellschaft. Man muß sich vergegenwärtigen, daß Deutschland um 1900 vom Auswanderungsland (v.a. USA) zu einem Einwanderungsland wurde, wenn man insbesondere an den Zuzug aus Polen z.B. ins Ruhrgebiet denkt. Ballungsräume wie Berlin entstanden: Menschenmassen erforderten Massenparteien, Massenpolitik. Der Lärm der Großstädte machte die Menschen „nervös“ – die sogenannte „Moderne“ konnte durchaus als menschenfeindlicher Moloch empfunden werden. „Körper, Geist und Seele galten gleichermaßen als traumatisiert, und um den Menschen in diesem harmonischen Dreiklang wiederherzustellen, wurde eine Rückkehr zur Natur als Allheilmittel gepriesen.“ (Wolfgang R. Krabbe, in: Kerbs / Reulecke, a.a.O.)

Neben der Naturheilkunde bildete die Freikörperkultur eine wichtige Säule der Lebensreform. Sie war medizinisch-hygienisch motiviert, es gab auch sittliche und ästhetische Aspekte, letztlich auch rassenbewußte (im Sinne des Aufhaltens des so verstandenen Verfalls der Volkskraft). Unter dem Motto ’schön sein kann nur ein gesunder Körper‘ bildeten sich neue, nackte Formen der Leibeserziehung. Beachtenswert ist hier, daß sich die Einstellung zu Nacktheit und Sexualität änderte: „Mit (Richard) Ungewitter wird die Sexualfeindlichkeit als Lustfeindlichkeit zum Theorem der Freikörperkulturbewegung. (Heinrich) Pudor mochte den Koitus als Lusterlebnis, als nahestes Umarmen der Natur, im ‚Jauchzen der Zukunft‘ nicht missen. Nun aber werden Erotik und Sexualität als großstädtische Entartungen des Zeugungstriebes verteufelt und bekämpft.“ (Frecot / Geist / Kerbs, a.a.O.)

In Abwendung von Materialismus, Aufklärung und herkömmlicher Naturwissenschaft formierten sich verschiedene weltanschauliche Gruppierungen, denen von Kritikern beispielsweise Naturschwärmerei sowie Rückzug in einer para-religiöse Innerlichkeit vorgeworfen wurde. „Lebensreform“ konnte zu einer Ersatzreligion überhöht werden.  In diesem Sinne seien erwähnt: der Monistenbund (Ernst Haeckel), Theo- und Anthroposophie (Rudolf Steiner), Ariosophie und völkische Religiosität (Lanz von Liebenfels, Mittgart-Bund …), auch Spiritismus und Okkultismus erlebten eine Blütezeit. Zur Lebensreform kam man häufig aufgrund eigener Krankheits- und Leidensgeschichte, was die Autoren Frecot / Geist / Kerbs dazu verleitet, die lebensreformerischen Bereiche als „Sammelplätze der Sonderlinge“ zu bezeichnen. Diese ‚Sonderlinge‘ gingen mit missionarischem Eifer daran, ihre Mitmenschen vom richtigen und guten Leben zu überzeugen (s. z.B. das Wanderpredigertum).

Die vorgenannten Autoren rechnen neben der Naturheilkunde und der Freikörperkultur die Ernährungsreform (inkl. Vegetarismus) sowie die Siedlungsbewegung zur Lebensreform im engeren Sinne. Janos Frecot (in: Vondung, a.a.O.) spricht von drei Perioden der Lebensreform: Dem Beginn mit der Naturheilkundebewegung (v.a. medizinisch-hygienische Aspekte), dem Übergang zu Boden- und Wirtschaftsreform sowie Siedlungsgenossenschaften (Gründung der Obstbaukolonie Eden 1893) – und dann in einer dritten Phase die „Entdeckung der Schönheit des menschlichen Lebens“ (man denke an Maler wie (den „Kohlrabi-Apostel“) Karl Wilhelm Diefenbach, Fidus (Hugo Höppener), auch die Schriften Heinrich Pudors).
Hier noch einmal eine vereinfachende, nicht abschließende Auflistung:

  • Naturheilkunde (Hygiene, Krankheitsprophylaxe, natürliche Heilung, Abwendung von der Schulmedizin, Entstehung von Kuranstalten für Licht-, Luft-, Sonnenbäder, Bewegungstherapie; man denke an Namen wie „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp, Johann Schroth, den „Sonnendoktor“ Arnold Rikli usw.)
    Es sei noch angemerkt, daß Heilung nicht im direkten körperlichen Sinne gemeint war, sondern als „Heil“ und Erlösung von einer ganzheitlich verstandenen, aber unbefriedigenden Existentz. Nach Wolfgang R. Krabbe (in: Kerbs / Reulecke, a.a.O.) war die Lebensreform im Kern eine „säkularisierte gnostisch-eschatologische Erlösungslehre“.
  • Siedlungsbewegung (Stadtflucht, Gartenstadt- (Hellerau), auch Schrebergartenbewegung, Boden- und ggf. Wirtschaftsreform / Geldreform (Boden als Gemeineigentum, kein Handel mit Boden, Genossenschaftsgedanke)); Beispiele für diese Bewegung sind die Siedlungen Eden (Obstbaukolonie, Brandenburg), Donnershag (Sontra, Hessen), Monte Verità (Ascona).
  • Ernährungsreform (Diäten, Vegetarismus, dazu auch die Abstinenzlerbünde (kein Alkohol, Nikotin, Koffein), Tierschutzbewegung, Entstehung der Reformwarenhäuser ab 1900; man denke an Namen wie Eduard Baltzer, Adolf Just, Maximilian Oskar Bircher-Benner usw.)
  • Naturismus (Freikörperkulturbewegung, Nacktsport (z.B. Jørgen Peter Müller, Bess Mensendieck, Hans Surén), Kleiderreform, hier auch Sexualreform, Frauenbewegung), Zitat von W. Stapel, 1926 (Grisko, a.a.O.): „Wer nacktkultürlich lebt, zieht sich nicht aus konkret sachlichen, sondern aus philosophischen Gründen aus.“
  • Reformpädagogik (Landerziehungsheime, Volkshochschulen, hier auch Wandervogelbewegung / Freideutsche Jugend u.v.m.)

Die Lebensreform erlebte mit der Ära des Nationalsozialismus einen Einschnitt, da viele Gruppen (v.a. aus dem Freikörperkulturbereich) verboten wurden. Manche der historischen Bereiche sind heute noch aktuell, z.B. die vegetarische (vegane) Ernährung, FKK, Tier- und Umweltschutz, andere sind höchstens noch am Rande existent, z.B. völkisch-religiöse Strömungen, Siedlungsbewegung, Nacktsport. Studentenrevolte, die 68er-Zeit, die Hippies, aber auch die dann entstehende Öko- und Alternativbewegung haben viele Konzepte der Lebensreform aufgegriffen und weitergeführt.

Zum Abschluß noch eine (im Netz gefundene) Grafik zum Thema, die nur bis ca. 1900 geht:

lebensr