Nackt unter Nackten (Buch)

buch052Ulf Erdmann Ziegler ist in den letzten Jahren durch seine Romane bekannt geworden, die er erst recht spät publiziert hat. Laut Wikipedia war „Nackt unter Nackten – Utopien der Nacktkultur 1906 – 1942“ seine erste Publikation. Das Buch besteht zu einem Drittel aus der von Ziegler verfaßten Einführung in die Nacktkultur und zu zwei Dritteln aus Schwarzweiß-Fotografien aus der „Sammlung Scheid“. Das mir vorliegende Buch ist die Lizenzausgabe für die Manfred-Pawlak-Verlagsgesellschaft von 1992.

Um es vorweg zu sagen: der Wert des Buches liegt in den Fotografien, die die Nacktkultur aus den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zeigen. Zieglers Einführung hingegen ist so tendenziös geschrieben, daß man sie ganz klar nicht empfehlen kann.

Ziegler beschreibt die Zeit um 1900 als „eine Zeit schroffer Klassengegensätze, wirrer Utopisten und finsterster Reaktionäre“. An späterer Stelle wird davon gesprochen, daß Utopien „in der Regression“ gesucht werden. Warum schreibt man mit dieser Einstellung eine Einführung zu solch einem Buch?

Schultze-Naumburgs „Kultur des weiblichen Körpers“ wird so gedeutet, daß das „Natürliche“ erotische Qualitäten besitze (Nacktdarstellungen ohne Kopf werden als „brutal sexualisiert“ bezeichnet), was sich so nicht beim Lesen nachvollziehen läßt. Darauf aufbauend wird dem völkischen Nacktapologeten Ungewitter eine „plumpe Männerphantasie“ vorgeworfen: statt des Ausziehens der Kleidung in aufeinanderfolgenden Phasen (also im Sinne der unterstellten Erotik), werde nun gleich propagiert: man hat sofort nackt zu sein. Und daß Ungewitter in seinen Werken nirgendwo den „Geschlechtsakt“ zeitgemäß darstelle, wird ihm, dem Autor der Nacktkultur, nun zum Vorwurf. Ich frage mich, ob es Zieglers ureigene Gedanken und Projektionen sind, wenn er Ungewitter als „gedankenschwül“ empfindet.
So verwundert es auch nicht, wenn das umfangreiche Thema Wandervogel in wenigen Sätzen über die „erotische Qualität“ desselben und die „Verdrängung der heterosexuellen Identität“ abgehandelt wird. Hans Blüher wird kurz zitiert, auch Walter Flex‘ „Wanderer“ wird mit „sublimiertem homoerotischem Begehren“ assoziiert. Wenn Wurche im Sturmangriff fällt, „fällt“ im Original in Anführungszeichen, dann sei das die Kompensation des verdrängten homoerotischen Motivs.

Meines Erachtens entlarvt sich Ziegler letztlich an dieser Stelle: „Die Fotos haben, wie so oft Bilder aus privaten Alben, ihre unfreiwillige Komik, in diesem Fall natürlich auch dadurch, daß die Menschen alle nackt sind, aber sich verhalten, als wären sie es nicht.“
Was soll das? Das zeugt doch von völligem Unverständnis für das Thema, über das Ziegler hier schreibt. Warum schreibt jemand, der die auf gut 60 Seiten dargebotenen Aufnahmen als „Komik“ abtut, zu solch einem Werk die Einführung?

Zieglers Präferenzen werden darüber hinaus sehr deutlich: Adolf Kochs „proletarische Nacktkultur“ wird mehrfach positiv erwähnt, während Richard Ungewitter als „Überzeugungstäter“ und Surén als „hochneurotischer Einzelgänger“ beschrieben werden. Zur Ehrenrettung mag man sagen, daß die wichtigsten Personen und Vereinigungen korrekt erwähnt werden.

Der Schlußsatz zeigt einmal mehr, daß der Besitzer der Sammlung Scheid, Uwe Scheid, besser jemand anderen mit dem Schreiben der Einleitung beauftragt hätte: „Wer nichts an hat, hat auch nichts zu verbergen, oder: Es ist doch nichts dabei. Das stimmt zwar jetzt so wenig wie damals, aber es ist bequemer geworden, die These zu leben.“

Die Fotografien werten das Buch auf, sind alle durchweg gut reproduziert, zeigen Menschen in zwangloser Vergesellschaftung bei Sport und Spiel, in Posen usw. Daher ist das Buch eine Kaufempfehlung. Was die Einführung in den Naturismus / Nudismus angeht, so kommt man bei wirklichem Informationsbedarf nicht an der Dissertation von Giselher Spitzer vorbei: Der deutsche Naturismus.

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