Nacktheit – ein ästhetisches Problem?

In der Neuen Zürcher Zeitung fand sich ein Artikel von Barbara Höfler über „Die nackte Wahrheit“. Anlaß war der Weltnaturistentag (5.6.16), von Höfler als Weltnaturalistentag bezeichnet. Einleitend fragt die Autorin, warum Nudisten derzeit ein „Imageproblem“ hätten, wobei sie die Begriffe Spott und Verachtung als zwei Pole des Umgangs mit Nackten anführt.
Aufmacher des Artikels ist ein Zwischenfall in den Bergen, wo zwei Jäger einen Nacktwanderer u.a. beim Onanieren fotografiert hatten. Frau Höfler leitet ab, daß Nacktwandern trotz der Bemühungen der Naturistenföderation INF nicht „vom Fleck“ komme.
Aber das ist möglicherweise auch nur ihre eigene Sichtweise, denn wenn sie bei völliger Nacktheit von „Überbetonung offen präsentierter Geschlechtsteile“ spricht, mag da auch ein grundsätzliches Verständnisproblem vorliegen.

Natürlich spricht sie das Spannungsverhältnis zwischen Nacktheit und „beteuerter sexueller Interessenlosigkeit“ an, über das ich hier auch bereits geschrieben habe. Frau Höfler leitet über zum Journalisten Mark Haskell Smith, der als „Nacktforscher“ unter Nackten gelebt hat (so wie Gorillaforscher unter Gorillas leben…), und dessen Buch Naked at Lunch jetzt auf Deutsch erschienen ist.

So kommt die Frage auf: Sind diese Menschen (insbesondere Nacktwanderer) Exhibitionisten, die sich unbedingt zeigen müssen? Oder umgekehrt Spanner, die sich nackt präsentieren, um ‚ungestört‘ andere Nackte betrachten zu können? Immerhin attestiert auch Smith den Nackten ‚Keuschheit‘, denn außer im Umfeld von Cap d’Agde („Blowjobs im Gebüsch“) hat er keine sexuellen Aktivitäten beobachtet.

Interessant ist Höflers Hinweis darauf, daß an der Isar in München heute so wenig Nackte sind (im Gegensatz zu den 90ern), daß die Beschwerden darüber wieder zunehmen, weil Passanten meinen, sie hätten es mit Exhibitionisten zu tun…
Letztlich kommt Frau Höfler zu dem interessanten Schluß, daß Nacktheit heute kein moralisches, sondern ein ästhetisches Problem („von gleicher Zensurkraft“) sei – deswegen zögen sich so wenig Leute aus. Immerhin endet der Artikel mit einem Plädoyer für mehr Nacktheit.

Ich finden den Artikel, sagen wir, etwas unausgegoren, auch wenn er das Phänomen an sich positiv wertet. Wenn der onanierende Nacktwanderer „vom Bietschtal“ ein Model gewesen wäre, hätte es kein Problem gegeben, so die These. Wenn es ein vielleicht etwas unattraktiver Mann war, dann wird beides – Nacktheit und Sexualität – zum Problem. Das sehe ich nicht so. Gut hingegen fand ich den Hinweis auf den italienischen Philosophen Perniola, der Smith zufolge meint, Erotik entstehe am Übergang zwischen Bekleidung und Nacktheit. Das unterstreiche ich bzw. das habe ich ähnlich im oben verlinkten Artikel Naturismus und Erotik formuliert.

Ich möchte abschließend noch zwei Aspekte betonen:

  1. FKK fand über Jahrzehnte im Grunde genommen ’stationär‘ statt: an einem konkreten Strandabschnitt, den man bekleidet betritt und auch so wieder verläßt, auf dem Gelände eines Vereins, von Sichtschutzzäunen umgeben usw.
    Nacktwandern ist in meiner Sichtweise eine subkulturelle Form des Naturismus, die durch Präsenz Aufregen / Aufregung erzeugt. Meine These ist, daß Subkulturen sich zu einem Teil über die Abgrenzung gegen die Hauptkultur definieren und ihre Abgrenzung inszenieren müssen / wollen.
    Selbst bin ich kein Freund vom Nacktwandern, obwohl ich es hier immer mal wieder erwähne. Daß ein Nacktwanderer sich eher dem Vorwurf des Exhibitionismus ausgesetzt sieht als beispielsweise ein Besucher eines FKK-Strandes, dürfte klar sein.
  2. Nackte Brüste im Frühstücksfernsehen, Unterwäschewerbung mit viel Haut auf Plakaten, Naked Survival im Fernsehen, das Internet mit der immer und überall verfügbaren Nacktheit in etlichen Facetten bis hin zu Videos von jeglicher Körpermodifikation oder -behandlung – warum gibt es so wenig Menschen, die nackt ihre Freizeit verbringen wollen?
    Ich glaube, uns ist in den letzten 60 / 70 Jahren eine grundlegende „Natürlichkeit“ abhanden gekommen. Die Gesellschaft ist sexualisiert – und genau das könnte auch, s. kurzer Anriß hier, Grund dafür sein, daß FKK auch im Osten seit der „Wende“ im Niedergang ist.
    Und hier greift durchaus das ästhetische Argument: Wer aufgemotzte Models, brustoperierte Sängerinnen, retuschierte und „ge-photoshop-te“ (selbst das Wort klingt schon künstlich) ‚Schönheiten‘ als Normalfall sieht, der wird sich schon einen Durchschnitts-Vierziger nicht mehr nackt am Strand anschauen wollen – is ja eklig. 🙂

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