Naked at Lunch (Buch)

2016-06-20 07.33.06Der Schriftsteller und Journalist Mark Haskell Smith hat sich nach einem investigativen Ausflug in die Welt der Marihuana-Anpflanzer nun zu den Nackten begeben und daraus sein Buch „Naked at Lunch“ gemacht, dessen deutscher Untertitel recht platt konstatiert: „Ein Nacktforscher in der Welt der Nudisten“ – nun ja, sollte er ins Gorilla-Gehege gehen? (Originaler Untertitel paßt besser: The Adventures of a reluctant Nudist.)

Der „reluctant nudist“ ist eigentlich gar keiner, denn auch der „Nacktforscher“ wird erst durch dieses konkrete Projekt zu selbigem. Smith betreibt eine Art „embedded journalism“, er geht an die Nudistenfront und berichtet – nackt, was ihm zunächst schwerfällt. Von daher ist gerade der Anfang des Buches dem Thema Nacktheit vor und mit anderen, Ausziehen, Körperformen, Ansprüche an den Körper, dem Einfluß des Alters gewidmet. Generell wechselt das Werk zwischen verschiedenen Formen des Berichts: es gibt Interviews (ausformuliert, nicht klassisch A: …, B: …), Erlebnisberichte des Autors über eigene Erfahrungen, Aufarbeitung und Präsentation historischer Fakten und Entwicklungen. 

Nudismus ist für Smith gemeinschaftliche Nacktheit. Nacktheit, so der bekannte amerikanische Nudist Mark Storey im Interview, verringere die Entfremdung, die Kleidung schafft, und nähere die Menschen einander an.
Nach diesem Einstieg folgt der Besuch des Autors bei seiner Hautärztin, die ihm Ratschläge für den Start in sein Nudistenabenteuer gibt: Smith stellt dar, daß Sonne die Haut schädigen kann, andererseits aber heilend wirkt und für den Körper notwendig ist (Depression, Rachitis). Nun geht es ab nach Palm Springs in einen Nudistenclub. Smith mag das nackte Sonnenbaden, empfindet aber die verordnete Nicht-Sexualität als steif und geziert.

Der Autor leitet über zu einer längeren Betrachtung der Geschichte des Nacktseins, wobei er u.a. Richard Ungewitter erwähnt. Er stellt die amerikanische Nudistenszene (insbesondere die American Association for Nude Recreation) vor – mit dem interessanten Seitenthema, daß die Zeitschrift Sunshine & Health im 2. Weltkrieg an amerikanische Soldaten geliefert wurde und dadurch extrem beliebt wurde, was Ende der 50er zu einem Boom solcher Zeitschriften führte.

Smith reiste dann in seiner einjährigen Beschäftigung mit dem Thema zunächst nach Spanien ins Nudistenressort Vera Playa (Almería), offenbar das einzige Naturistenhotel Spaniens (?). Dann kommt, was kommen muß: Cap d’Agde, diese zwiespältige „Nudistenstadt“ zwischen Naturismus und riesigem Swingerclub. In der Hochsaison seien 40000 Touristen dort untergebracht, die tagsüber nackt leben, sich abends aber (in Teilen) „in Schale werfen“. Diese abendlichen Aktivitäten beschreibt Smith im übrigen mehrfach, weil sie offenbar nicht in sein Bild des Nudismus passen: die Wahrnehmung pendelt zwischen „peinlich“ (tanzende Männer mit Hawaii-Hemd und Schuhen – „unten ohne“) und erotisch (Frauen in hautengen Miniröcken, mit durchsichtigen Blusen, durch Netztops hindurchstehenden Brustwarzen, als Domina verkleidet, Männer mit „Cockringen“ – im übrigen ein wiederkehrendes Thema, da Cockringe für manche eine Sexualisierung bedeuten). Cap d’Agde, so der Autor, werde abends zur „Spielwiese für Sexfantasien“ – es gab schon handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen Nudisten und Swingern.
Für Smith folgt dann, wenn man die Beschreibung liest, das schönste Erlebnis, eine Nackt-Bergwanderwoche in den österreichischen Alpen (Naked European Walking Tour). Man spürt, daß der Autor sich weit in das Gebiet eingearbeitet hat, worauf die Vielfalt an Namen und Fakten hinweist. Natürlich ist das alles etwas USA-lastig, aber dennoch sehr interessant. Kein Aspekt von Nacktheit wird ausgelassen, auch über PETA und die FEMEN wird kurz berichtet, wie über die Wandelung der Schamhaarlänge. Smith wirft immer wieder Überlegungen und Zitate zum Thema Abgrenzung Erotik – Sexualtität – Nacktheit ein, auf die ich in einem gesonderten Beitrag eingehen werde.

Im dritten Viertel des Buches geht es v.a. um die USA, um verschiedenste Projekte, über die Verfolgung von Nudisten, Gerichtsprozesse, die man für, mal gegen die Nackten ausgingen. Konkrete Strände werden kurz vorgestellt (Haulover Beach, Miami, Black’s Beach, San Diego).
Natürlich „muß“ auch die Überalterung der Nudistenclubs Thema sein, was Smith v.a. mit fehlenden Angeboten für junge Leute verbindet. Er stellt die Young Naturists America vor, Internetprojekte, Umwelt- und Sexprojekte (Fuck for Forest). Politisch ist der Autor beispielsweise den von ihm erwähnten anarchistisch-hedonistischen Schriftstellern nah. Die Einstellung der Christen zur Nacktheit wird kritisiert, u.a. auch mit Hinweis auf den zunehmenden Einfluß der (konservativen) lateinamerikanischen Kultur auf den Südwesten der USA.

Smith liefert eine wahre Fülle an Informationen zum Thema (öffentlicher) Nacktheit. Der Weltnacktgärtnertag wird genauso erwähnt wie Nackt-Selfies und Smoothies (Menschen, die jegliches Körperhaar vom Hals abwärts entfernen). Der Autor muß für die Aufbereitung des umfangreichen Themas gelobt werden: Man verliert nie den roten Faden beim Thema, wundert sich ständig über neue Aspekte, neue Begriffe, während alles durch den zunehmenden Gefallen des Autors am Nudismus eingeklammert wird. Er wird, wie er am Ende zugibt, nicht zum Nudisten, dieses „Label“ sei nicht sein Ding, aber Gefallen am Nacktsein, am nackten Sonnenbaden hat er auf jeden Fall gefunden.
Ich kann das Buch jedem, der sich für das Thema interessiert, wärmstens empfehlen, zumal die deutsche Übersetzung auch gelungen ist und den lockeren Plauderton gut wiedergibt.

Das Buch wird mit einer interessanten Auswahlbibliographie abgeschlossen.

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