Naked at Lunch – Sex after Lunch?

Ich habe Mark Haskell Smith’s Ausflug in die Welt der Nudisten (Naked at Lunch) vorgestellt. Natürlich geht er auch auf ein Thema ein, das ich hier im Blog schon angesprochen habe: das Verhältnis von Nacktheit, Erotik und Sexualität. In meinem Beitrag Naturismus und Erotik habe ich herauszuarbeiten versucht, daß beide – die völlige Erotisierung der Nacktheit, wie auch die Enterotisierung – eine Bedeutungsreduktion darstellen (n. Zitat von O. König). Ich ging auf Kleidung ein, die Reize betont und eine erotische Spannung schafft, sprach von der Natürlichkeit der Nacktheit am FKK-Strand, die sexuelle Signale zwar wahrnimmt, sie aber nicht dominieren läßt. 

Smith schlägt im Grunde in die gleiche Kerbe. Bereits im ersten, von ihm besuchten Club in Palm Springs spricht er von der „angestrengten Geziertheit“, also daß der Versuch, sich betont nichtsexuell zu verhalten, zu „steifer Anständigkeit“ mutiere. Aber: trotz des Diktats des „Nichtglotzens“ „spicke“ jeder … 🙂

Auch meine Beobachtung vom Zingster FKK-Strand (eine nackte, hübsche Frau nehme ich ’neutral‘ wahr, später sehe ich sie angezogen – und v.a. „Brüste und Po“ in enger Kleidung) findet sich genau so bei einem Interviewpartner von Smith: „Da hat man jemanden eine Woche nackt vor sich und denkt sich nix, dann zieht sie ein hübsches Kleid an, legt etwas Make-up auf, und man denkt: „Was für ein hübsches Mädel!“ (Zitate: Smith, Mark Haskell: Naked at Lunch, München (Heyne), 2016)

Die Steifigkeit, Geziertheit erklärt Smith mit der historischen Entwicklung des Naturismus: man wollte durch möglicherweise obszönes, „unmoralisches“ Verhalten seinen Gegnern keine Steilvorlage bzw. Munition für Verbotsprozesse geben. Man mußte „nichtsexuell“ auftreten, um Akzeptanz zu schaffen. Wie es der Guardian so schön formuliert: „As we all know, nudism is only an erection away from open-air group sex.“

Und natürlich spielte hier die Zeit der Entstehung der Freikörperkultur auch hinein – für Deutschland gesprochen: im Kaiserreich war schon Nacktheit eine „unerhörte“ Sache, da ging man nicht gleich weiter zu Massenorgien.

Aber: kann man Nacktheit und Erotik trennen? Nein, kann man nicht, denn der menschliche Körper ist dafür ausgelegt, für einen potenziellen Partner attraktiv zu sein, und unsere Biologie läßt uns „spicken“, wie Smith so schön schreibt, auch wenn wir ganz bemüht wegschauen wollen. Deswegen sage ich ja, daß Wegschauen und krampfhaftes Nichtsehenwollen Unsinn sind. So auch David Wraith im Interview mit Smith: „Manche behaupten, Nudismus habe nicht das Geringste mit Sex zu tun, und ehrlich gesagt halte ich das für gewaltigen Unsinn. Ich glaube nicht, dass es dabei ausschließlich um Sex geht, aber auch nicht, dass man von irgendetwas sagen kann, es ginge absolut, zu einhundert Prozent gar nicht um Sex.“ (a.a.O.)

Smith geht der „dezidiert nichtsexuelle nackte Umgang der Leute in den Resorts (…) auf die Nerven“, er hat, wie man der Beschreibung von Cap d’Agde entnehmen kann, durchaus eine leicht anarchistische Sympathie für das Ausleben sexueller Wünsche in einer Gemeinschaft. Oder – auf einer grundsätzlicheren Ebene: ein junges Paar, das sich küßt, was bei ihm zu einer Erektion führt, sollte nicht mit Pauken und Trompeten aus dem Club geworfen werden.

Ich hatte schon anderweitig das Zitat des italienischen Philosophen Perniola (vor Lektüre des Buches von Smith) übernommen, von daher sei hier nur noch mal kurz darauf hingewiesen: Erotik ist für ihn die Beziehung zwischen dem Zustand der Bekleidung und dem der Nacktheit, d.h. im Übergang (Ausziehen, Striptease) liegt die Erotik. Das kann ich für mich selbst bestätigen: ein nackter Körper ist „just that“, während das Ausziehen, ja eben auch das Zusehen beim Ausziehen eine erotische Qualität hat.

Wenn Smith letztlich sagt, er könne sich keine Mitgliedschaft in einem typischen Nudistenclub vorstellen, dann ist das gut nachvollziehbar. Nacktheit ja, gerne auch mal öfter im eigenen Garten und zusammen mit seiner Frau, Erotik eben auch, aber nicht die „Geziertheit“ (ich muß das Wort noch einmal aufgreifen, weil es so schön griffig ist) der nudistischen Clubrituale.

Das ist auch der Grund, wieso mich FKK-Vereine nicht interessieren, ich umgekehrt aber auch nicht im südfranzösischen Swingerparadies aufkreuzen muß. Smith trifft meine Anschauungen schon recht gut, auch ein Grund, wieso ich das Buch empfehle.

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