Neue Bücher

buch011Ein paar neue Bücher erweitern meine Bibliothek, über die ich gern kurz berichten möchte.

Da ist Arno Vossens „Sonnenmenschen“ mit dem Untertitel „Sechs Jahrzehnte Freikörperkultur in Deutschland“. Vossen ist ein Pseudonym von Hermann Wilke, der ein prominenter Vertreter einer „faschistischen Freikörperkultur“ gewesen sei, wie es in Möhrings „Marmorleiber“ (Böhlau, 2004) heißt. Sinnigerweise erwähnt „Vossen“ im o.g. Werk sein eigenes Buch „Dein Ja zum Leibe“, das 1939 erschienen ist und die Zustimmung des rassepolitischen Amtes der NSDAP fand (a.a.O.), ohne Nennung eines Autors. Grundsätzlich ist das DIN-A5-Heft mit gerade mal knapp 40 eng und klein bedruckten Seiten aber ein guter Überblick über das Thema. Ich habe es bislang nur auszugsweise gelesen, daher nur als Eindruck: Vossen geht stark auf die organisatorische Seite der FKK ein – wann welcher Verein auftauchte, sich teilte, wieder verschwand usw.
Natürlich kann das 1956 erschienene Buch die Entwicklung nicht vorwegnehmen: Wenn für „Ostdeutschland“ keine besondere FKK-Organisation erwähnt wird, jedoch auf die „außerordentlich starke“ Verbreitung des Nacktbadens in Westdeutschland eingegangen wird, dann ist natürlich damit noch nichts über den FKK-Kult in der DDR gesagt.

buch009Darum geht es im zweiten Buch: „Natürlich nackt – FKK und Akt in der DDR“, in dem Fotos von Eberhard Garbe abgebildet sind, dieser zwischen „1975 und 1989 in Halle an der Saale am Kanal und am Heidesee sowie an verschiedenen Stränden der Ostsee“ aufgenommen hat (aus dem Nachwort von Danae Simmermacher). Die Bilder sind in drei Abschnitten angeordnet: zuerst die FKK-Bilder, die oft viele Menschen an recht vollen Stränden zeigen, dann Aktfotos in der Natur und zuletzt Studioakte.
Simmermacher weist in ihrem hervorragenden Nachwort zur Aktfotografie in der DDR, aber auch der FKK-Bewegung, darauf hin, daß alle diese Fotos eine „natürliche Authentizität“ besitzen; die Modelle „strahlen ein natürliches Selbstbewußtsein aus, jedoch ohne dabei unnahbar zu wirken“. Das ist wirklich so, und es war auch mein erster Eindruck von den vielen Schwarzweiß- und Farbfotos. Das mag etwas mit dem Thema FKK zu tun haben: während westliche Soziologen (so Simmermacher) Ost-FKK v.a. als Protestform gegen das DDR-Regime deuten, glaubt man von östlicher Seite her eher, daß es der geringere Einfluß der katholischen Kirche und des amerikanischen Schlankheits- und Schönheitswahns sei, der dafür sorgte, daß die Menschen in der DDR viel unbefangener mit Nacktheit umgingen.
Natürlich wird beim Kurzabriß der FKK in der DDR auch auf die „Nachwendezeit“ eingegangen, als sich westliche Urlauber von den vielen Nackten gestört fühlten. Das führte dazu, daß es heute auch im Osten ausgewiesene Textil- und FKK-Strände gibt. Und während reguläre FKK-Vereine über Nachwuchsmangel klagen, scheint es beim unorganisierten Nudismus einen Trend zu Nacktsportarten zu geben (Nacktreiten, Nacktwandern …)
Insgesamt ein Buch voller schöner Fotos – insbesondere von Menschen, die ohne Tattoos, ohne Piercings, ohne Silikon abgebildet sind … 🙂

Zweimal bin ich in den letzten Tagen auf den britischen Kunstkritiker John Berger gestoßen. Im o.a. Buch zitiert ihn Simmermacher: „Als Akt wird man von anderen nackt gesehen und doch nicht als man selbst. (…) Nacktsein bedeutet, man selbst zu sein. Ausgestellt sein bedeutet, die Oberfläche der eigenen Haut, die Haare des eigenen Körpers zu einer Verkleidung werden zu lassen, die – in dieser Situation – nicht mehr abgelegt werden kann. Der Akt ist dazu verdammt, niemals nackt zu sein: der Akt ist eine Form der Bekleidung.“

Das gleiche Zitat findet sich nämlich auch im dritten Buch, diesmal in Englisch. Es ist „A Brief History of Nakedness“ des englischen Neo-Druiden Philip Carr-Gomm. CG muß nämlich erklären, welches der beiden Worte für „nackt“ (naked, nude) er benutzt und wieso. Das Nacktsein aus dem obigen Zitat entspricht dem „naked“, während das „Ausgestelltsein“, der Akt, mit „nude“ korreliert. Viel prägnanter als im umständlichen Deutschen heißt es bei CG im Berger-Zitat: „A naked body has to be seen as an object in order to become nude.“
CG will keine Geschichte der verschiedenen Ansichten bzw. Einstellungen zum Körper schreiben (z.B. will er nicht darauf eingehen, wie Nacktheit religiös beschränkt wurde), sondern er zeigt auf, wie Nacktheit aktiv genutzt worden sei bzw. werde, um religiöse, politische oder kulturelle Ziele zu erreichen.

Dann wäre da noch „Freie Lebensgestaltung“ von Therese Mülhause-Vogeler, „Ein Beitrag zur Neuformung des Lebensstiles“. Die Autorin war in den 20er und (Anfangs-)30er Jahren Vorreiterin der FKK, insbesondere mit Vorbildfunktion für Frauen. Das Buch war wohl ein „Bestseller“, wie man heute sagen würde; mir liegt die Ausgabe von 1926 vor.
Die Autorin beginnt das Werk mit einem Kapitel zum Thema Freiheit, die sie nach innerer und äußerer Freiheit unterscheidet, wobei erstere ein „mühsamer Erwerb“ eines jeden einzelnen sei – was insbesondere dann schwerer falle, wenn es viele äußere Freiheiten gebe, die bis zur Zügellosigkeit führen können, was wiederum ein Charakteristikum des Tieres sei. „Der Wille des Einzelnen zur Freiheit formt das freie Volk.“
Weiter geht es mit allerlei Ratschlägen, die auf dieser Freiheit aufbauen: der innerlich freie Mensch sei z.B. nicht der Mensch von Mietskasernen, „freie Lebensgestaltung fordert das Einfamilienhaus“. Manches klingt doch sehr antiquiert (im positiven Sinne, der einen schmunzeln läßt), anderes ist einfach nur wahr und schön (und heute manchmal in Vergessenheit geraten). Lebensfreude wird da heraufbeschworen, Freikörperkultur und gesunde Ernährung propagiert, Dienst an der Gemeinschaft gefordert, die gereifte Persönlichkeit statt des „Typs“ als Idealbild hingestellt. Spannend auch das Kapitel über Liebe, Ehe und Mutterschaft: die Autorin grenzt die echte Liebe von der flammenden Leidenschaft ab und klagt darüber, wieviele Menschen von ihrer Leidenschaft in Beziehungen getrieben werden, die nicht halten können, wenn die Flamme der Leidenschaft erloschen ist. Im übrigen führe die „halbe Verhüllung“ des Körpers zur Sexualisierung, während der nackte Körper zu einem ästhetischen Genuß werde, da Schönheit und Schwächen gleichermaßen ersichtlich seien. Wie wahr: „Denn sexuelle Erlebnisse binden nicht; sonst gäbe es keine Prostitution. Nur Liebeserlebnis vermag bindend zu wirken.“
Und Frau Mülhause-Vogeler wäre heute vermutlich gänzlich politisch unkorrekt, denn leibliche Kinder seien der „eigentliche Sinn“ der Ehe.
Weiter geht es mit der Kindererziehung, der neuen Geselligkeit (jenseits von Saufgelagen) und hin zu einem abschließenden Kapitel über „Weltanschauliches“, in dem die Autorin meint, daß innere Freiheit Menschenwürde hervorbringe. Eine neue Ethik sei im Entstehen, ein „aufs höchste entwickeltes Verantwortungsgefühl“ und eine Religiosität im Goetheschen Sinne (Marienbader Elegie (Auszug): „In unsers Busens Reine wogt ein Streben / Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten / Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben / Enträtselnd sich den ewig Ungenannten / Wir heißen’s: fromm sein!“
Ein herrliches Buch, das auch traurig macht, wenn man die weitere Entwicklung (Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, Amerikanisierung usw.) vor Augen hat. Wie gerne würde ich in der Gesellschaft von Menschen dieser Vision leben!

„Geistige Freiheit ist Erkenntnis alles Unwahren, Unnatürlichen, freie Lebensgestaltung ist die Umwandlung dieser Erkenntnis in lebendiges Tun.“
(Th. Mülhause-Vogeler)

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