Buch: Monte Verità (Stefan Bollmann)

Es gibt ein neues Buch über den Berg der Wahrheit, im Oktober ist es bei der Deutschen Verlagsanstalt erschienen. Laut Beschreibung auf Amazon erzählt der Autor, Stefan Bollmann, “auf der Basis neuer Quellen die Geschichten hinter den Legenden”. Es sei ein “mitreißendes Panorama der Gegenkultur, ein Fest des Lebens wie des Erzählens”. Das klingt gut, allerdings scheinen die bisherigen vier Rezensenten auf Amazon das nicht so zu teilen. Zwei davon werfen dem Autor vor, zu oberflächlich und unstrukturiert zu schreiben, quasi “fleischlose Kost” im übertragenen Sinne zu liefern. Eine Rezensentin verweist darauf, daß Mühsams “Ascona” sowie Landmanns Buch die bessere, weil besser geschriebene Wahl seien. Möglicherweise ist das auch ein typisches Merkmal des Autors, das ich in Ermangelung eigener Lektüre von ihm nicht beurteilen kann. Sein Buch über Goethe wird auf der Verlagsseite auch als “charmante wie leichtfüßige Besichtigung von Goethes Leben” bezeichnet. Vom Titel her auf eine ähnliche Bearbeitung des Themas läßt z.B. auch das Buch “Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug” schließen.

Die taz berichtete gestern über das Buch. Dort wird hervorgehoben, daß Bollmann die Biographien der Eigentümer / Besucher gut herausarbeitet. Lediglich die Vergleiche zu späteren Subkulturen blieben etwas blutleer bzw. plakativ.

Eventi letterari

Literaturfestival Eventi letterari Monte Verità vom 14.-17. April 2016, zum vierten Mal, in Ascona. Thema dieses Jahr: Utopie und Liebe / Utopia e amore – hier die offizielle Webseite

 

Neue Lektüre (Monte Verità)

buch013… ist heute eingetroffen:

Robert Landmanns Darstellung der lebensreformerischen Siedlung auf dem Monte Verità , erschienen 1979 im Ullstein-Verlag. Die Wikipedia weiß, daß “Robert Landmann” ein Pseudonym Werner Ackermanns ist, einem Schriftsteller, der zeitweise Miteigentümer der “Künstlerkolonie Monte Verità ” war. Also lasse ich mich aus “berufenem Munde” ein wenig – nach der kurzen Beschäftigung mit Erich Mühsams Schrift – über den Berg der Wahrheit informieren.

Große Denker am Berg der Wahrheit

Ascona, am Fuße des Monte Verità, will laut Deutschlandradio eine “Tradition wiederbeleben” und lädt zu einem Literaturfestival (Eventi letterari Monte Verità) ein.

Von Ascona bis Eden

Die Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck gibt eine Schriftenreihe heraus, deren Heft 27 mir durch Zufall bei Ebay aufgefallen ist.
Das 160 Seiten starke, 2006 erschienene Büchlein informiert über ‘Alternative Lebensformen’ (Untertitel), wobei Mühsams eigene Broschüre “Ascona” Ausgangspunkt ist und bereits die ersten 40 Seiten beansprucht. Dieser Text war wohl auch eine Grundlage der 2005er Tagung der Mühsam-Gesellschaft, auf der man sich neben Ascona auch mit Eden, Worpswede / Barkenhoff sowie Gustav Landauers Siedlungsidee befaßte.

Mühsams kurzweilige, 1905 erstmals erschienene Beschreibung Asconas ruft ein lebendiges Bild des Ortes und seiner Bewohner hervor. Natürlich schildert der von den Nazis ermordete politische Aktivist Ascona auch “durch seine Brille”: “Hier weiß das Volk, dass eine Befreiung von allem Staats- und Kirchendruck nur möglich ist durch das Einsetzen jeder einzelnen Persönlichkeit, durch Verweigerung der Arbeitskraft – durch den Auszug auf den heiligen Berg.”
Doch mit allem, was Mühsam sah, war er nicht einverstanden, manches kommentiert er spöttisch. Berühmt wurde sein “Gesang der Vegetarier – Ein alkoholfreies Trinklied“. Carl Gräser, Lotte Hattemer, Elly Lenz, Baron Alexander von Rechenbach-Linden sowie Johannes Nohl werden ausführlicher vorgestellt. Für Mühsam ergibt sich das Fazit, Ascona sei prädestiniert “zu einer Sammlungsstätte solcher Menschen, die infolge ihrer individuell gearteten Veranlagung ungeeignet sind, jemals nützliche Mitglieder der kapitalistischen menschlichen Gesellschaft zu werden.”
Für ihn ist Ascona Zufluchtsort, ein Ort, an dem man menschenwürdig leben kann, auch wenn man dazu alkoholfreie Trinklieder singen muß.

Das Buch umfaßt dann noch Christoph Knüppels Vortrag über Landauer mit Vorstellung einiger “Anarchisten in der Obstbaukolonie Eden” (Carl Tomys, Friedrich Lisowski, Alfred Starke). Gerhard Semper, Vorstandsvorsitzender der Eden-Genossenschaft von 1998 – 2005, sprach über “Eden – eine lebendige Idee (? oder !)”; Ernstheinrich Meyer-Stiens stellt Heinrich Vogeler vor; Siri Hølmebakk geht auf das Schulprojekt Tvind in Dänemark ein; Kirsten Larsen Mhoja gibt eine kurze Einführung in den Freistaat Christiania (1971 – 2005).
(Gerade wenn ich Christiania lese, muß ich an mein Studium zurückdenken, in dem ich mich u.a. mit Methoden der Sozialarbeit befaßt habe. Eine Methode, die Arbeit mit Kollektiven, heißt Gemeinwesenarbeit, seinerzeit ein Schwerpunkt für mich. Und die Gemeinwesenarbeit wurde als “Miljö”-Arbeit gerade in Dänemark geprägt. Auch die Arbeitersiedlung Eisenheim hat mich damals fasziniert.)
Im Buch folgt Stephan Kürles Vorstellung eines Jugendzentrums “Die Alternative” in Lübeck, den Abschluß bildet ein interessanter Text über den Arzt Karl Strünckmann (1872 – 1953). Der Autor Oliver M. Piecha untersucht das “Weltbild eines deutschen Diätarztes” und gibt “Anmerkungen zum Verhältnis zwischen Lebensreform und völkischem Fundamentalismus”. Zitat: “Strünckmann folgte Zeit seines Lebens den oft irritierenden und verschlungenen Pfaden deutscher Sinnsuche zwischen Kritik an der industriellen Moderne, lebensreformatorischen Experimenten und einem unbändigen Wunsch nach spiritueller ‘Ganzheit’.”

Heft 27 der Mühsam-Gesellschaft ist eine kostengünstige Möglichkeit, sich über Siedlungsprojekte sowohl der Lebensreformzeit als auch modernen Ablegern zu informieren. Im Auge sollte man dabei behalten, daß der Schwerpunkt politisch deutlich “links” bis anarchistisch liegt.