Doku: Sanatorium Europa

Die Lebensreform hat derzeit eine höhere Präsenz in den Medien als üblich. Das kommt zum einen durch den gestern vorgestellten (und bei Arte ausgestrahlten) Film Sanatorium Europa, zum anderen durch die Neuerscheinung der FKK-Bildbandes Nackedeis 2.

Auch der Spiegel widmet der Doku nun einen Artikel, in dem v.a. auf Hermann Hesse und Thomas Mann eingegangen wird. Das Literaturhaus Rostock bietet übrigens eine Liste mit weiterführender Literatur zur Doku als PDF-Datei.
Ich habe die Doku selbst noch nicht gesehen, werde wohl auch erst nach meinem Urlaub (nächste Woche geht es wieder auf den Jakobsweg) dazu kommen.

Die Ostthüringer Zeitung bewirbt kurz das Buch Nackedei 2.

Wise Pilgrim Guides

Ich muß mal etwas Werbung machen: Pilgerführer für die Jakobswege gibt es (in Englisch) viele, “der Brierley” hat mich 2015 begleitet und der Mini-Guide “Sarria – Santiago – Finisterre” vom selben Autor wird im kommenden Sommer mit im Rucksack sein.

Gut haben mir die für Android wie iOS verfügbaren Apps vom “Wise Pilgrim”, die “Wise Pilgrim Guides” gefallen. Schön finde ich die Übersichtlichkeit, die die Betonung auf Text und Symbole statt auf Fotos legt. Zusätzlich gibt es noch eine Online-Map-Funktion, die natürlich nur auf dem Camino verfügbar ist, wenn man die Datenverbindung aktiviert.

Und bald soll es den Wise Pilgrim Guide für den Camino Francés auch als gedrucktes Buch geben. Der Autor, Michael Matynka, hat eine Crowdfunding-Kampagne bei IndieGoGo erstellt, allerdings mit der Besonderheit, daß das Buch auf jeden Fall und unabhängig vom Ausgang der Kampagne gedruckt wird.

Und da mir die Guide Apps so gut gefallen, möchte ich an dieser Stelle einfach mal auf die Printversion verweisen, die es ab Mai 2017 geben soll.

Nachtrag März 2017: Leider fanden sich nur 21 (einundzwanzig!) Unterstützer, dennoch soll für diese das Buch gedruckt werden. Ich bin gespannt…

Ein Neuzugang

kochManchmal, da packt es mich, da muß ich quasi “zuschlagen”, wenn ein Antiquariat ein von mir gesuchtes Buch unter dem üblichen Preis anbietet. Überwindung kostet mich das dann, wenn das Buch trotzdem noch recht teuer ist. So ist es mir jetzt mit “Nacktheit, Körperkultur und Erziehung” von Adolf Koch ergangen, das meist zwischen 70 und 90€ gehandelt wird, aber nun für 60€ in mein Bücherregal gewandert ist. Viel Geld, insbesondere wenn ich überlege, wem ich diese Bibliothek einmal “vermachen” könnte, denn ich kann bei meinen Jungs keine Disposition inhaltlicher Art – und auch was Lesen allgemein angeht – feststellen. Na ja, kommt Zeit, kommt eine Entscheidung. 🙂

Adolf Koch war ein Vorreiter der Freikörperkultur und Nacktgymnastik sozialistischer Prägung, er gab die Zeitschrift “Wir sind nackt und nennen uns Du” heraus. Koch hatte beachtliches Stehvermögen: die Nationalsozialisten schlossen seine Institute, auch weil er sich weigerte, jüdische Mitarbeiter zu entlassen. Nach dem Krieg warb er wieder offensiv für seine Vision einer Körperschulung, bis ihn der Deutsche Verband für Freikörperkultur 1964 ausschloß, dem die Werbung Kochs und seiner Frau Irmgard zu weit ging.

Neue Lektüre (Monte Verità)

buch013… ist heute eingetroffen:

Robert Landmanns Darstellung der lebensreformerischen Siedlung auf dem Monte Verità , erschienen 1979 im Ullstein-Verlag. Die Wikipedia weiß, daß “Robert Landmann” ein Pseudonym Werner Ackermanns ist, einem Schriftsteller, der zeitweise Miteigentümer der “Künstlerkolonie Monte Verità ” war. Also lasse ich mich aus “berufenem Munde” ein wenig – nach der kurzen Beschäftigung mit Erich Mühsams Schrift – über den Berg der Wahrheit informieren.

Deutscher Akt (Buch)

buch10Das Buch “Deutscher Akt, Nackte Körperfreude 1920-1945” wird vom Orion-Heimreiter-Verlag herausgegeben, über den man sich unter dem Namenseintrag des Verlegers, Dietmar Munier, bei der Wikipedia informieren kann. Es ist daher mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Der Bildband dokumentiert die Akt- und FKK-Fotografie der 1920er bis 1940er Jahre, wobei schon der Hinweis auf dem hinteren Einband, daß der “gewaltige Modernisierungsschub” in der Kunst “nach 1933” noch beschleunigt worden sei, etwas stutzig macht, denn das Jahr 1933 stand doch eher für Restriktion und Gleichschaltung. Gerade die Freikörperkulturvereine hatten bis zur offiziellen Duldung (1941) keinen leichten Stand – 1933 erließ Göring beispielsweise einen Erlaß zur “Bekämpfung der Nacktkulturbewegung”. Man lese hierzu z.B. das Kapitel “Sonnenmenschen unter der Swastika – Die FKK-Bewegung im Dritten Reich” von Ulrich Linse in: Michael Grisko (Hrsg.): Freikörperkultur und Lebenswelt, Kassel Univ. Press 1999.

Der Einleitungstext (ohne Autorennennung) beschäftigt sich trotz der Jahresangabe “1920” im Untertitel im Grunde vorrangig mit der Zeit des “Dritten Reiches”. Einerseits werden die Reformbewegungen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einigermaßen korrekt und in aller Kürze vorgestellt, andererseits erhält selbst dieser zweiseitige Text einige Nebenbemerkungen, die zwar nicht unbedingt falsch sein müssen, die aber in einem solchen Bildband überflüssig sind und dann doch auf die Verlegerschaft zurückverweisen. Beispiel: Nach 1945 sei die Darstellung des kraftvollen und schönen nackten Körpers abgerissen, dafür hätten die amerikanischen Besatzungssoldaten die in Umengen produzierten Pin-Up-Girls auf Fotos bzw. Posterm mitgebracht.

Viele der Fotos stammen von Kurt Reichert, Bruno Schultz oder Othmar Helwich, aber auch Riebicke und Weidemann sind vertreten – neben vielen anderen Fotografen. Von Helwich gibt es eine 1940 erschienene Schule der Aktfotografie, von Schultz z.B. den Jahresschauband “Das deutsche Lichtbild” von 1932, von Kurt Reichert gab es 2008 im Leipziger Kamera- und Fotomuseum die Sonderausstellung “Schön und rein, Freilichtaktfotografie aus den 1930er Jahren”. Von diesem Fotografen gibt es auch noch ein dem hier vorgestellten Buch sehr ähnliches mit dem Titel “Von Leibeszucht und Leibesschönheit” zu kaufen. “Auf die Schnelle” habe ich zu keinem dieser Fotografen eine spezifisch nationalsozialistische Betätigung gefunden.

Der Bildband hat mit 34x25cm für mich ein als zu groß empfundenes Format – und das merkt man auch den Fotos an, auf deren Alter der Verlag im Hinblick auf die Druck- bzw. Wiedergabequalität verweist. Ich finde, etlichen Bildern hätte es gut getan, wenn sie deutlich kleiner reproduziert worden wären. Bei recht vielen Fotos muß ich das Buch schon deutlich mit ausgestreckten Armen halten, um einen angenehmen Bildeindruck zu haben. Geschätzt 90% der dargestellten Personen sind (zumeist jüngere) Frauen.
Sieht man vom politischen Hintergrund des Verlages ab, hat man eine solide Fotosammlung, die sowohl typische FKK-Strandbilder beinhaltet, wie auch Studioaufnahmen.

FKK in der DDR (Buch)

buch21Das “Sommer Sonne Nackedeis” untertitelte Buch aus dem Eulenspiegel-Verlag (Berlin, 2. A., 2008) will ein Porträt der Freikörperkultur in der ehemaligen DDR geben. Dazu hatte der Herausgeber Thomas Kupfermann auch in der BILD-Zeitung einen Aufruf geschaltet, FKK-Bilder aus der Zeit des Bestehens der DDR für das Buch zur Verfügung zu stellen. Es besteht, wie zu erwarten, aus einer Unmenge von Fotos, die v.a. das Strandleben dokumentieren; die meisten davon sind in schwarzweiß. Die eingestreuten, kurzen Texte thematisieren u.a. das ursprüngliche FKK-Verbot von 1954, das bereits 1956 in der ‘Anordnung zur Regelung des Freibadewesens’ aufgehoben wurde. Weiterhin wird der Zingster Maler Kurt Klamann kurz vorgestellt (Bilder auf zwei Doppelseiten); interessant ist auch die “Mini-Studie” zur FKK von 1966.

Ein solches Buch kommt (zwangsläufig?) nicht ohne ein bißchen “Ostalgie” aus, so nach dem Motto: Früher war alles besser, wir haben uns – trotz ‘real existierendem Sozialismus’ (oder gerade deswegen?) – gut eingerichtet, die prüden Wessis haben uns die FKK versaut. So auch Mathias Wedel in seinem süffisanten Beitrag ‘Das Telegramm’: “Denn was richtige Freiheit ist, das haben wir erst nach der Befreiung von der sozialistischen Urlaubsdiktatur erfahren: 14 Tage Hotelanlage in Tunesien ist fast wie Moabit, nur wärmer und mit Pool.”

Das 160 Seiten umfassende Buch ist ansprechend gestaltet und bietet eine kurzweilige Einführung in das nackte Badeleben im “zweiten deutschen Staat”.
Und nicht vergessen: “Auch die Dauerwelle hielt – dank VEB Chemie, Berlin.”