Das sündige Fleisch reloaded (K. Starke)

Gregor Gysi hatte sich bei seinem Sommerloch-Thema “FKK” auch auf den Sexualwissenschaftler Kurt Starke berufen. Der führt nun in einem Artikel für das Neue Deutschland aus, daß es natürlich nicht nur der “Pornoblick” der “Westmänner” sei, der zum Rückgang des nackten Badens geführt habe.

Nacktsein sei an sich nicht erotisch, “Erregung” stelle sich z.B. durch Fantasie ein. Toll der Satz: “Wer FKK als Stripteaseersatz betrachtet, versteht von beidem nichts oder kann Nacktheit nur anmacherisch denken.”

Der nackte Körper werde in der Marktwirtschaft ausgebeutet; Nacktheit werde “tabuisiert und gleichzeitig zur Ware”. Nacktheit werde – in verkürzter Zusammenfassung des lesenswerten Artikels – “quasi-pornographisch”.

Auch spannend: “Indem der nackte Körper in heute typischer Weise sexualisiert wird, wird die alte, religiöse Stigmatisierung des sündigen Fleisches reloadet.”

Alles gibt es hier zu lesen.

Geschichte der Freikörperkultur: FKK: Frei machen! – Magazin – Welt – Tagesspiegel

Der Tagesspiegel mit einem zweiseitigen Beitrag zur Geschichte der Freikörperkultur

Intellektuelle wie Anna Seghers waren gern nackt am Strand, die DDR-Führung mochte Textil. Die Geschichte des FKK führt von Preußen über die Wende an den Wannsee.

Quelle: Geschichte der Freikörperkultur: FKK: Frei machen! – Magazin – Welt – Tagesspiegel

FKK in der DDR

… ist ein Phänomen gewesen, hervorstechend durch die irgendwie systemkritisch wirkende Unangepaßtheit der nackten Körper an den Stränden und Badeseen. Ich hatte kurz das Buch FKK in der DDR vorgestellt.

Beim Berlin-Besuch in der vergangenen Woche sahen wir uns die Gedenkstätte Hohenschönhausen an, das ehemalige MfS-Gefängnis. Im Museumsshop gibt es eine Unmenge an Literatur zu kaufen; ich wählte nur das kleine Bändchen von Ilko-Saschs Kowalczuk: Die 101 wichtigsten Fragen – DDR. Vom anvisierten Leserkreis her soll es einen ersten Einstieg in das System der DDR erlauben und das Interesse an Vertiefung wecken. Ich habe es mir als “Zwischendurch-Lektüre” gekauft.

Der Autor geht ebenfalls auf das Phänomen FKK ein. 1954 von der SED verboten, wurde sie 1956 bereits wieder erlaubt – letztlich waren auch Parteifunktionäre FKK-Anhänger. Zunächst war die Freikörperkultur nur an einem Strandabschnitt bei Arenshoop (Fischland) erlaubt, doch in den 70er und 80er Jahren war sie so verbreitet, daß eher die “Textil-Badenden” sich erklären mußten, so der Autor.

Was war so besonders an der Freikörperkultur im Osten Deutschlands? Hier bietet Kowalczuk folgende Erklärung an: “Fkk ermöglichte in der DDR, was sonst gerade trotz aller Versprechen nicht gegeben war: Gleichheit aller. (…) Die Allgegenwärtigkeit des SED-Staates zerbrach am Strand der Nackten.”

Interessanter aber finde ich diesen Aspekt, den der Autor nur noch kurz anschneidet: Kann es sein, daß FKK so beliebt war, weil es in der DDR keine medial allgegenwärtige Sexualisierung gab? Kann das auch der Grund dafür sein, daß die Freikörperkultur nach 1990 auch im Osten umso mehr an Bedeutung verlor, als das Westsystem dem Land übergestülpt wurde (meine Formulierung)? Ich glaube, da ist etwas dran. Ich werde zu diesem Thema (Fkk, Erotik, Sexualität) bald meinen alten Grundlagenartikel vom alten Blog überarbeitet nach hier übernehmen.

Fischland – Darß – Zingst

darss14Im Frühjahr 2010 schrieb ich im alten Blog, daß es im Sommerurlaub nach Fischland / Darß / Zingst gehe, der beliebten Ferienregion an der Ostsee auf der Halbinsel im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Diese Ecke Deutschlands hatte ich bereits bei einem Rügen-Urlaub 2000 schätzen gelernt. Damals war ich alleine im März für zwei Wochen in Sellin und habe die gesamte Insel erkundet. Nur Baden war eher etwas für “Iron Men”. Fischland – Darß – Zingst weiterlesen

Neue Bücher

buch011Ein paar neue Bücher erweitern meine Bibliothek, über die ich gern kurz berichten möchte.

Da ist Arno Vossens “Sonnenmenschen” mit dem Untertitel “Sechs Jahrzehnte Freikörperkultur in Deutschland”. Vossen ist ein Pseudonym von Hermann Wilke, der ein prominenter Vertreter einer “faschistischen Freikörperkultur” gewesen sei, wie es in Möhrings “Marmorleiber” (Böhlau, 2004) heißt. Sinnigerweise erwähnt “Vossen” im o.g. Werk sein eigenes Buch “Dein Ja zum Leibe”, das 1939 erschienen ist und die Zustimmung des rassepolitischen Amtes der NSDAP fand (a.a.O.), ohne Nennung eines Autors. Grundsätzlich ist das DIN-A5-Heft mit gerade mal knapp 40 eng und klein bedruckten Seiten aber ein guter Überblick über das Thema. Ich habe es bislang nur auszugsweise gelesen, daher nur als Eindruck: Vossen geht stark auf die organisatorische Seite der FKK ein – wann welcher Verein auftauchte, sich teilte, wieder verschwand usw. Neue Bücher weiterlesen

Als die Nackten an die Ostsee kamen (TV)

In der Reihe “Unsere Geschichte” sendete der NDR am 10.8.11 eine 45minütige Dokumentation über – hauptsächlich – die FKK-Bewegung in der DDR an der Ostsee, allerdings mit kleinen Abstechern zum Motzener See und zum “West-FKK”, das ein wenig blaß und “vereinstümelnd” dargestellt wurde. Der Film lebte v.a. von den plastischen Schilderungen der heute schon etwas älteren Herren, die seinerzeit Prerow unsicher gemacht haben, und natürlich dem 8mm-Filmmaterial.

Prerow, der FKK-Zeltplatz in den Dünen auf dem Darß, wurde besonders erwähnt. Aus den Beschreibungen ergab sich das Bild eines unpolitischen Badelebens v.a. jüngerer Leute: der FKK-Zelturlaub an der Ostsee sei wie das Leben in einer “Kommune” gewesen. Gegen Spanner ging man vehement vor, entriß ihnen die Filme, allerdings filmte man sich selbst, was offenbar toleriert wurde. Sexualität sei öffentlich kein Thema gewesen, was jedoch abends in den Dünen passierte, sei Privatsache gewesen. Ein Protagonist meint, viele Ehen seien Folge eines Kennenlernens am Ostseestrand; ebenso seien viele Kinder in Prerow gezeugt worden.

West-FKK kommt leider nur in Aufnahmen von einem geschlossenen Gelände fern des Meeres vor. Man sieht v.a. ältere Menschen, es wird auf den Nachwuchsmangel hingewiesen. In der direkten Gegenüberstellung wirkt das ein wenig einseitig (so ein wenig “DDR-zwangsnostalgisch”), obgleich ich glaube, daß das von den Machern, Matthias Vogler und Gudrun Brigitta Nöh, nicht unbedingt so beabsichtigt war. Denn daß FKK auch im Osten nicht mehr die Anhängerschaft wie vor 30-40 Jahren hat, ist Fakt.

Unter den seltenen FKK-Dokus im Fernsehen ist dies eine der besseren.

Neue Bücher

In der Blogpause im Juli – bzw. seit Mitte Juni und bis heute – sind ein paar neue Bücher eingetroffen, die ich kurz vorstellen möchte:

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In “Barfüßige Propheten” schreibt Ulrich Linse über “Erlöser der zwanziger Jahre”, so der Untertitel. Nach einleitenden Kapiteln werden ausführlich vorgestellt: Friedrich Muck-Lamberty (“Messias von Thüringen”), Max Schulze-Sölde (“Johannes der Jugend”), Ludwig Christian Haeusser (“Geistiger Monarch”). Das Buch stand nicht auf meiner kurzfristigen Wunschliste, aber es war gerade günstig und in sehr gutem Zustand in einem Online-Antiquariat eingestellt worden.

Hermann Poperts Roman “Helmut Harringa” ist ein sehr gut erhaltenes, im blauen Schuber geliefertes und immerhin genau 100 Jahre altes Buch. “Der Harringa” war mir dem Titel nach als “Kultroman” der Lebensreformbewegung bekannt. Ich wußte ansonsten lediglich, daß Popert v.a. antialkoholische Zielsetzungen hatte. Es ist schon ein schönes Gefühl, das alte Buch aus dem Schuber zu ziehen und darin zu blättern. Hier findet sich eine Kurzrezension des “Kultromans der Jugend” (PDF).

“Baden ohne” war in der DDR ein Kultbuch zum Thema Freikörperkultur. Herausgegeben vom VEB Tourist Verlag Berlin Leipzig wird “FKK zwischen Mövenort und Talsperre Pöhl” vorgestellt. Ursprünglich 1982 bereits erschienen, konnte ich ein gut erhaltenes Exemplar der 2. Aufl. 1984 des von Lutz Rackow unter dem Pseudonym Friedrich Hagen verfaßten Werkes ergattern. Den ‘Mövenort’ und andere schöne Plätze habe ich mir im Vorfrühling 2000 auf Rügen erwandert – eine herrliche Zeit. Das Büchlein hat heute nur noch ideellen Wert, aber es ist m.E. doch ein Zeugnis der Geschichte des Nacktbadens in der DDR.

FKK in der DDR (Buch)

buch21Das “Sommer Sonne Nackedeis” untertitelte Buch aus dem Eulenspiegel-Verlag (Berlin, 2. A., 2008) will ein Porträt der Freikörperkultur in der ehemaligen DDR geben. Dazu hatte der Herausgeber Thomas Kupfermann auch in der BILD-Zeitung einen Aufruf geschaltet, FKK-Bilder aus der Zeit des Bestehens der DDR für das Buch zur Verfügung zu stellen. Es besteht, wie zu erwarten, aus einer Unmenge von Fotos, die v.a. das Strandleben dokumentieren; die meisten davon sind in schwarzweiß. Die eingestreuten, kurzen Texte thematisieren u.a. das ursprüngliche FKK-Verbot von 1954, das bereits 1956 in der ‘Anordnung zur Regelung des Freibadewesens’ aufgehoben wurde. Weiterhin wird der Zingster Maler Kurt Klamann kurz vorgestellt (Bilder auf zwei Doppelseiten); interessant ist auch die “Mini-Studie” zur FKK von 1966.

Ein solches Buch kommt (zwangsläufig?) nicht ohne ein bißchen “Ostalgie” aus, so nach dem Motto: Früher war alles besser, wir haben uns – trotz ‘real existierendem Sozialismus’ (oder gerade deswegen?) – gut eingerichtet, die prüden Wessis haben uns die FKK versaut. So auch Mathias Wedel in seinem süffisanten Beitrag ‘Das Telegramm’: “Denn was richtige Freiheit ist, das haben wir erst nach der Befreiung von der sozialistischen Urlaubsdiktatur erfahren: 14 Tage Hotelanlage in Tunesien ist fast wie Moabit, nur wärmer und mit Pool.”

Das 160 Seiten umfassende Buch ist ansprechend gestaltet und bietet eine kurzweilige Einführung in das nackte Badeleben im “zweiten deutschen Staat”.
Und nicht vergessen: “Auch die Dauerwelle hielt – dank VEB Chemie, Berlin.”