Obstbaukolonie Eden

Die ZEIT mit einem längeren Bericht über die Garten- und Obstbaukolonie Eden bei Berlin – bzw. das, was davon übrig ist. Insgesamt ist der Ton (bzw. sind die Untertöne) des Artikels von Iris Radisch kritikwürdig. Wer z.B. das Meißner-Treffen 1913 als “Woodstock des Kaiserreiches” bezeichnet, hat entweder die Jugendbewegung jener Zeit oder die Hippie-Ära (oder beides) nicht verstanden.

Zitat: “Damals, als die städtische Intelligenz zur Revolte gegen die Stadt, gegen die Einsamkeit und seelische Verlorenheit ihrer Bewohner, gegen den Kult des Geldes und des industriellen Fortschrittes, gegen die Untertanenschule und das Korsett aufrief, hatte sie allen Grund, zu glauben, der Anbruch einer neuen Zeit stünde vor der Tür.”

Von Ascona bis Eden

Die Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck gibt eine Schriftenreihe heraus, deren Heft 27 mir durch Zufall bei Ebay aufgefallen ist.
Das 160 Seiten starke, 2006 erschienene Büchlein informiert über ‘Alternative Lebensformen’ (Untertitel), wobei Mühsams eigene Broschüre “Ascona” Ausgangspunkt ist und bereits die ersten 40 Seiten beansprucht. Dieser Text war wohl auch eine Grundlage der 2005er Tagung der Mühsam-Gesellschaft, auf der man sich neben Ascona auch mit Eden, Worpswede / Barkenhoff sowie Gustav Landauers Siedlungsidee befaßte.

Mühsams kurzweilige, 1905 erstmals erschienene Beschreibung Asconas ruft ein lebendiges Bild des Ortes und seiner Bewohner hervor. Natürlich schildert der von den Nazis ermordete politische Aktivist Ascona auch “durch seine Brille”: “Hier weiß das Volk, dass eine Befreiung von allem Staats- und Kirchendruck nur möglich ist durch das Einsetzen jeder einzelnen Persönlichkeit, durch Verweigerung der Arbeitskraft – durch den Auszug auf den heiligen Berg.”
Doch mit allem, was Mühsam sah, war er nicht einverstanden, manches kommentiert er spöttisch. Berühmt wurde sein “Gesang der Vegetarier – Ein alkoholfreies Trinklied“. Carl Gräser, Lotte Hattemer, Elly Lenz, Baron Alexander von Rechenbach-Linden sowie Johannes Nohl werden ausführlicher vorgestellt. Für Mühsam ergibt sich das Fazit, Ascona sei prädestiniert “zu einer Sammlungsstätte solcher Menschen, die infolge ihrer individuell gearteten Veranlagung ungeeignet sind, jemals nützliche Mitglieder der kapitalistischen menschlichen Gesellschaft zu werden.”
Für ihn ist Ascona Zufluchtsort, ein Ort, an dem man menschenwürdig leben kann, auch wenn man dazu alkoholfreie Trinklieder singen muß.

Das Buch umfaßt dann noch Christoph Knüppels Vortrag über Landauer mit Vorstellung einiger “Anarchisten in der Obstbaukolonie Eden” (Carl Tomys, Friedrich Lisowski, Alfred Starke). Gerhard Semper, Vorstandsvorsitzender der Eden-Genossenschaft von 1998 – 2005, sprach über “Eden – eine lebendige Idee (? oder !)”; Ernstheinrich Meyer-Stiens stellt Heinrich Vogeler vor; Siri Hølmebakk geht auf das Schulprojekt Tvind in Dänemark ein; Kirsten Larsen Mhoja gibt eine kurze Einführung in den Freistaat Christiania (1971 – 2005).
(Gerade wenn ich Christiania lese, muß ich an mein Studium zurückdenken, in dem ich mich u.a. mit Methoden der Sozialarbeit befaßt habe. Eine Methode, die Arbeit mit Kollektiven, heißt Gemeinwesenarbeit, seinerzeit ein Schwerpunkt für mich. Und die Gemeinwesenarbeit wurde als “Miljö”-Arbeit gerade in Dänemark geprägt. Auch die Arbeitersiedlung Eisenheim hat mich damals fasziniert.)
Im Buch folgt Stephan Kürles Vorstellung eines Jugendzentrums “Die Alternative” in Lübeck, den Abschluß bildet ein interessanter Text über den Arzt Karl Strünckmann (1872 – 1953). Der Autor Oliver M. Piecha untersucht das “Weltbild eines deutschen Diätarztes” und gibt “Anmerkungen zum Verhältnis zwischen Lebensreform und völkischem Fundamentalismus”. Zitat: “Strünckmann folgte Zeit seines Lebens den oft irritierenden und verschlungenen Pfaden deutscher Sinnsuche zwischen Kritik an der industriellen Moderne, lebensreformatorischen Experimenten und einem unbändigen Wunsch nach spiritueller ‘Ganzheit’.”

Heft 27 der Mühsam-Gesellschaft ist eine kostengünstige Möglichkeit, sich über Siedlungsprojekte sowohl der Lebensreformzeit als auch modernen Ablegern zu informieren. Im Auge sollte man dabei behalten, daß der Schwerpunkt politisch deutlich “links” bis anarchistisch liegt.

Ich heiße Euch hoffen (Buch)

mummert… heißt das neu eingetroffene antiquarische Werk von Oskar Mummert (Philipp Reclam, Leipzig, ca. 1936), Arzt, Schriftsteller, Dramaturg – und Eden-Bewohner. Von Mummert gibt es wohl auch einen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1924 mit dem Titel Allmutter Natur. Auf den Seiten der Eden-Genossenschaft findet sich ein Artikel Mummerts (heute nicht mehr auffindbar) über die ersten Jahre der “Vegetarischen Obstbau Kolonie Eden eGmbH”, die 1893 bei Oranienburg gegründet wurde. Mummert selbst war wenige Jahre nach der Gründung mit dabei.

Im vorliegenden Buch, untertitelt “Der Weg eines Mannes zur Lebensreform” schildert der Autor sein Leben von der Kindheit durch die ‘Kernzeit’ der Lebensreform bis zu den 30er Jahren (Mummert starb 1953). Das Werk ist v.a. auf den Bereich Vegetarismus und Naturheilkunde abgestellt; Mummert berichtet über seine Krankheiten (auch die “Nervosität“, die so charakteristisch ist für Schilderungen aus den ersten beiden Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts), über erfolglose Versuche, diese zu heilen, über die Hinwendung zu natürlichen Heilverfahren – also ein “typischer” Lebenslauf für einen Lebensreformer, das macht das Buch interessant. Mummert hat wohl verschiedenste Verfahren ausprobiert und schildert diese Selbstheilungsversuche im typischen Sprachduktus seiner Zeit. Probe:

“Bei den alten Neuplatonikern gab es eine religiöse Übung ‘Kontemplation‘. Das Wort bedeutet nichts anderes als gesammeltes, tiefbesinnliches Denken, In-sich-Versenken. Eines Tages nahm er sich einen Stuhl, setzte sich, legte die Hände in den Schoß und versuchte, sich einmal ganz gedankenfrei zu machen, aufsteigende seelische Erregungen zu glätten – gleichsam eine Windstille in der Seele herzustellen. Schon nach dem dritten, vierten Versuch packte ihn ein Seufzen, das von tief unten heraufkam, ein Krampfgähnen, das er wie eine tiefe Gehirnerholung empfand. Nach einer halben Stunde war es ihm, als wäre eine schwere Last von ihm geglitten. Diese ‘Sammlung‘ wurde täglich in der Dämmerung wiederholt.”

Hach ja, das ist so ein Buch, das man auf dem Darß, am Strand liegend lesen müßte. Aber ich muß aktuell mit der Webcam vorliebnehmen.

Mummert: “Es gäbe einen Gewinn – wenn viele, am Fuße des Berges Ermattete nach dem Lesen dieses Buches den Mut fänden, den Aufstieg zu wagen – trotz alledem.”