Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen (Strittmatter)

Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen.
Aber wo nehme ich sie her?
Ich habe keine Haltung. Seelenschwer
Ich bin betrübt. Das Haupt zu neigen
In Demut
und um Gnade flehen,
Fürbittend knien, so ist mein Drang …
Doch aufrecht geh ich meinen Gang
Gewohnte Wege. Die mich sehen,
Lassen sich täuschen, und sie meinen:
Du bist so heiter letzter Zeit …
Wenn Haltung heißt: nach innen weinen,
Dann lebe ich in Heiterkeit.

Eva Strittmatter

Zikadennächte (Strittmatter)

Nun ist auch der Urlaub 2015 vorbei, wenn man davon absieht, daß ich bald für 5 Wochen in Spanien sein werde, was ich jedoch nicht so ganz als Urlaub definiere. Norwegen, Rügen – es war halt wieder kalt, auch wenn auf Rügen noch recht gutes Wetter herrschte. So gehen meine Gedanken immer wieder zurück zum Kroatienurlaub – und manch ein kurzes Wort ruft mir wieder Bilder, Düfte, Stimmungen in Erinnerung. So ging es mir bei Strittmatters Gedicht “Zikadennächte”.

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Zikadennächte. Man sollte sie
Auf einem Ton nachsingen.
Wie will man die Anti-Melodie
Der Zikaden in Worte zwingen?
Die Wärme der Steine. Der graue Geruch
Und das Flüstern der Gräser im Finstern.
Verkrüppelte Kiefern am Felsenabbruch.
Und hinter Wermut und Ginstern
Der südliche See, der da ist und schweigt,
Überschrillt von den Zikaden:
Ein irr gewordener Geiger geigt
Auf einem Silberfaden.

Eva Strittmatter

Heißer mit jedem Jahr (Strittmatter)

“Am Rand des Unentdeckten wohnen
Und nicht schrecken ist schwer.
Doch sind die Wolken heute leicht.
Der Dämmerwind webt in den Kiefernkronen.
Die nah am Himmel sind. Der Tag verbleicht.
Die Schatten werden schwärzer.
Und das Licht wird weißer.
Bevor es Nacht wird. Es ist Januar.
Die Tage taumeln. Man lebt heißer
Mit jedem abgelebten Jahr.”

[Eva Strittmatter, Januar]

Vor einem Herbst (Strittmatter)

Im Herbst soll einer auf mich warten.
Er soll so warten, daß ich kommen muß.
In einem gelben alten Garten.
Kurz vor dem Winter. Kurz vorm Schluß
Von allem. In der Weile,
Die zwischen Schnee und Regen bleibt.
Da suche ich die eine Zeile,
Die man vielleicht im Leben schreibt.

[Eva Strittmatter]