Was war mein Leben? (H. Hesse)

kufst

Was war mein Leben, wenn es heut soll enden?
Verträumt? Verloren? Nein, es war ein Ring
Von stillen Freuden, die mit vollen Händen
Ich nahm und weitergab und neu empfing.

Es war ein Liebesbund mit dieser Erde,
Die mich mit ihrer Schönheit tief beglückt
Und immer doch mit mächtiger Gebärde
Mein Ziel hinaus ins Ewige gerückt.

Es war mit Wasser, Bergeswind und Fluren
Ein brüderlicher Bund, der niemals brach,
Mit allen Wolken, die im Blauen fuhren
Und deren Lied von unsrer Heimat sprach.

Mit ihren großen ewigen Gewalten
Hab ich in Treue Brüderschaft gehalten;
Und meine Sünde war in all den Jahren,
Daß sie mir lieber als die Menschen waren.

[Hermann Hesse, 1903]

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre (Rilke)

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

[Rainer Maria Rilke]

(Gedanken dazu bei LyrikRilke.de)

Ich bin nicht ich (Jiménez)

“Soy este
que va a mi lado sin yo verlo;
que, a veces, voy a ver,
y que, a veces, olvido.
El que calla, sereno, cuando hablo,
el que perdona, dulce, cuando odio,
el que pasea por donde no estoy,
el que quedará en pié cuando yo muera.”

Yo no soy yo (Juan Ramón Jiménez)

Ich bin der,
der an meiner Seite geht, ohne daß ich ihn sehe;
den ich manchmal besuche,
und den ich manchmal vergesse.
Er, der schweigt, still, wenn ich spreche,
er, der vergibt, sanft, wenn ich hasse,
er, der geht, wo ich nicht bin,
er, der stehenbleibt, wenn ich sterbe.

[Übers. V. Wagner]

Pilger, wer ruft dich?

275Der Jakobsweg ist über und über “geschmückt” mit Graffiti, Devotionalien usw., was von kleinen Steinen, die die Aufschrift “Noémie” tragen, bis zu bemalten Ortschildern und in Zäune gesteckte Holzkreuze reicht. Noémie scheint ein franzöisches (französischsprachiges) Mädchen zu sein, das vermutlich an Krebs erkrankt ist / war. Ihr Name fand sich hunderte Male auf dem Weg in Spanien, doch konnte ich nichts über sie herausfinden. Pilger, wer ruft dich? weiterlesen

Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen (Strittmatter)

Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen.
Aber wo nehme ich sie her?
Ich habe keine Haltung. Seelenschwer
Ich bin betrübt. Das Haupt zu neigen
In Demut
und um Gnade flehen,
Fürbittend knien, so ist mein Drang …
Doch aufrecht geh ich meinen Gang
Gewohnte Wege. Die mich sehen,
Lassen sich täuschen, und sie meinen:
Du bist so heiter letzter Zeit …
Wenn Haltung heißt: nach innen weinen,
Dann lebe ich in Heiterkeit.

Eva Strittmatter

Voy conmigo

176Voy conmigo, con mi mochila,
Con mi sombra, con mi silencio
Y mi soledad.

Con mis pies, con mi cabeza
Y con mi alma.

Voy con mi amigo, voy conmigo,
Y mis pasos me huelen a LIBERTAD.

(Juan; Albergue El Peregrino, Atapuerca) 

Übersetzung V. WagnerVoy conmigo weiterlesen

Bitte (Th. Mülhause-Vogeler)

Mit einem Gedicht der FKK-Vorreiterin, deren Buch über Freie Lebensgestaltung ich hier kurz vorstellte, verabschiede ich mich ins Wochenende:

Ich bitte, nimm mein Herz in Deine Hände und mach es still.
Gib meiner müden, bangen Not die Wende, daß es nichts will.
Gib, daß es, was an Glück ihm ward gegeben, ermessen kann.
Schenk’ ihm, daß es, was ihm versagt im Leben, vergessen kann.

[Therese Mülhause-Vogeler, in: Stunde zwischen Tag und Traum, Regensburg 1961 – netterweise ein von der Autorin handsigniertes Exemplar]

Reinigung (Stadler)

Lösche alle deine Tag’ und Nächte aus!
Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! –
Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
Schon bist du selig in dir selbst allein
Und wie mit Auferstehungslicht umhangen –
Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.

[Reinigung, Ernst Stadler]

Manchmal (H. Hesse)

001Manchmal scheint uns alles falsch und traurig,
Wenn wir schwach und müd in Schmerzen liegen,
Jede Regung will zur Trauer werden,
Jede Freude hat gebrochne Flügel,
Und wir lauschen sehnlich in die Weiten
Ob von dorther neue Freude käme.

Aber keine Freude kommt, kein Schicksal
Je von außen uns. Ins eigene Wesen
Müssen wir, vorsichtige Gärtner, lauschen,
Bis von dort mit Blumenangesichtern
Neue Freuden wachsen, neue Kräfte.

[Manchmal, Hermann Hesse]

Teil des Raumes (Weisen)

gaensebDu atmest
Du ißt
Du legst Vorräte an
Du kochst
Du sparst Zeit
Du bewegst dich
Du bist nackt
Du reinigst dich
Du schläfst
Du baust dein geistiges Haus
Du hast eine Familie
Du hast einen Beruf
Du teilst deine Zeit ein
Du bist Teil des Raumes

[Hans Weisen]