“Esosifizierung”

Jan-Philipp Hein in der SVZ über die große “Esosifizierung” der Gesellschaft, den von ihm so wahrgenommenen, zunehmenden Glauben an die Wirksamkeit alternativer Heilmethoden, aufgezogen am Shitstorm gegen die TKK bzgl. Homöopathie. Weiter geht es um “Superfood” und das gerade zur Fastenzeit gern diskutierte “Entschlacken” des Körpers, das es vermutlich nicht gibt, auch wenn es sich so schön anhört.  “Esosifizierung” weiterlesen

Meißner 2013 – ja, was schreibt man nun?

Das Meißnerlager 2013 als “Fortführung” des vor 100 Jahren gehaltenen Ersten Freideutschen Jugendtages ist Geschichte.
Hier zunächst ein paar Nachlesen:

Meine Gedanken: Ich habe die ganze Woche mit mir gerungen, ob ich nun etwas dazu schreibe, was ich bzgl. der beiden offiziellen Veranstaltungen auf dem bzw. in der Nähe des Meißner(s) gesehen und gelesen habe. Ich war ja nicht da, obwohl ich es mir lange Zeit durch den Kopf gehen gelassen habe. Im Vorfeld hatte ich verfolgt, wie bestimmte Gruppen ausgeschlossen und ein zweites Event neben dem Hauptlager geplant wurde.

Ich habe aus der Gruppe der Teilnehmer das Stichwort “Kirchentags-Orga” gelesen, von Leuten gehört, denen um 2 Uhr morgens das Gitarrespielen verboten wurde – nicht, weil sich jemand gestört gefühlt hatte, sondern weil es “2 Uhr” war; Bilder weckten eher Assoziationen von Mittelaltermärkten oder alternativen Happenings und die Ankündigung “Pfälzer Weinstube” im Programm hinterließ bei mir fragend hochgezogene Augenbrauen.

Dann las ich im Pfadfinder-Treffpunkt die auf mittlerweile 13 Seiten angewachsene Diskussion, in der es u.a. darum geht, daß der Verleger Götz Kubitschek (Antaios) für ein Stündchen auf Burg Ludwigstein zugegen war (wohl im Zusammenhang mit seinen Töchtern). Die Diskussion nimmt groteske Züge an, v.a. beschuldigt man Veranstalter (RJBH) sowie Burg Ludwigstein, nicht “eingegriffen” zu haben (so als müsse C&A eingreifen, wenn Kubitschek sich Unterhosen kaufen geht); man sieht die Unfähigkeit der Linken, sich auf offene, freiheitliche Diskussionen einlassen zu können. Deutungshoheit heißt immer nur: unsere Sichtweise, neben der nichts anderes bestehen kann. Ich empfehle nebenbei das aufschlußreiche Buch “Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde” von Jan Fleischhauer.

Doch dann wurde ich heute auf eine Stellungnahme vom Nerother Wandervogel aufmerksam, die das von mir Wahrgenommene in Worte faßt: Die beiden konkurrierenden Veranstaltungen werden als “linke Sozialarbeiterfraktion” und “Müsli-Fraktion” skizziert. Ja, das ist pauschal und wird sicher nicht allen beim Hauptlager gerecht, aber es ist für mich nachvollziehbar, wieso die Nerother nicht anwesend waren. Letztlich waren das auch meine Bedenken, als ich eine Wandertour in der ersten Oktoberwoche im Meißner-Gebiet auf das kommende Frühjahr verschob. Hier der Text der Nerother Stellungnahme.

Ich will es dabei belassen, denn ich war nicht da und spreche über das Lager nur vom Hörensagen.

Die Nackten und die Tobenden (Deutschlandradio)

Es ist schon komisch, wenn in einer Zeit, in der die FKK-Vereine mit massivem Mitgliederschwund zu kämpfen haben, ein neues Buch über genau diese Aktivität erscheint. Dieses neue Buch von Ernst Horst (“Die Nackten und die Tobenden“) wurde für Deutschlandradio von Pieke Biermann rezensiert.

Den Schwerpunkt legt Horst auf den Zeitraum 1949 – 1970, Biermann kritisiert, daß Horst nicht auf die antisemitischen (völkischen) Vorreiter in der Zeit der historischen Lebensreform eingeht.
Horst sehe FKK v.a. als ein “Pseudoereignis” und “mediale Inszenierung“: zu ca. 10% finde FKK-Praxis statt, zu 90% Konsum von FKK-Magazinen.

Biermann meint, “Horst hat eine Liebeserklärung im Sinn, mit munter-mildem Spott über die mediale Biederkeit des FKK-Wesens.” Heiße Themen, die schon erwähnten Völkischen und die Grenzüberschreitungen zur Pädophilie, gehe er nicht an.
Der Rezension nach scheint das Buch an der Oberfläche zu bleiben und v.a. Nachkriegs-FKK in unterhaltsamer Weise darzustellen. Daher rutscht das Buch für einen späteren Kauf auf meine Wunschliste.

Die Rezension:
via Einige Hintergründe des Nacktseins – Ernst Horst “Die Nackten und die Tobenden | Kritik | Deutschlandradio Kultur.

Nackt unter Nackten (Buch)

buch052Ulf Erdmann Ziegler ist in den letzten Jahren durch seine Romane bekannt geworden, die er erst recht spät publiziert hat. Laut Wikipedia war “Nackt unter Nackten – Utopien der Nacktkultur 1906 – 1942” seine erste Publikation. Das Buch besteht zu einem Drittel aus der von Ziegler verfaßten Einführung in die Nacktkultur und zu zwei Dritteln aus Schwarzweiß-Fotografien aus der “Sammlung Scheid”. Das mir vorliegende Buch ist die Lizenzausgabe für die Manfred-Pawlak-Verlagsgesellschaft von 1992.

Um es vorweg zu sagen: der Wert des Buches liegt in den Fotografien, die die Nacktkultur aus den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zeigen. Zieglers Einführung hingegen ist so tendenziös geschrieben, daß man sie ganz klar nicht empfehlen kann. Nackt unter Nackten (Buch) weiterlesen

Die eine Wahrheit

Kurze Vorab-Erläuterung (2016): Ab Anfang 2013 tauchten vermehrt religiöse Themen in meinem alten Blog auf. Grund war eine damals noch sehr vorsichtige Rück- oder Umkehr, die zur Beschäftigung mit dem Thema Christentum führte. Los ging es mit den Katharern, dem Thema Gnosis, dann zur Mystik wechselnd. Der hier nun angeführte Text war der erste, der das thematisierte (Februar 2013):

Die Beschäftigung mit den Katharern, von der katholischen Kirche als Ketzer verfolgte “Urchristen” (vereinfacht), macht mich nachdenklich. Ich merke, wieviel meiner eigenen christlichen Erziehung noch immer in mir ist: nicht als “nicht abwaschbarer Schmutz”, sondern als Fundament. Jahrelang habe ich das verdrängt, ja ich glaube, verdrängt ist das richtige Wort. Ich weiß noch, wie es mich vor Jahren in einer bestimmten Situation “überkam” und ich aufrichtig ein Ave Maria betete – und mich im Anschluß unsinnigerweise dafür schämte. Unverhohlen war ich schon immer ein Bewunderer von Kurt Reubers Madonna von Stalingrad, das nur am Rande. Die eine Wahrheit weiterlesen

Gerhard Riebicke

buch024Wie kaum ein anderer Name ist der Riebickes mit der Freikörperkultur verbunden. Auf der Seite von Amadelio.de (“Wir haben hier eine kleine unabhängige Ecke in dem schönen, weiten Web gegründet, wo der Geist von der Leine gelassen wird und die Meinungen unabhängig sind.”) gibt es ein Videointerview der Seitenbetreiberin, Daniela Krien, mit Bodo Niemann, Galerist / Publizist, der auch eine Riebicke-Retrospektive in Buchform herausgegeben hat.

Sehr schön darin der Satz, daß die “heutige Nichtwahrnehmung” von Riebickes Bildern dafür spreche, daß der lebensreformerische Menschentypus, der die Naturverbundenheit des urbanen Menschen wiederherstellen möchte, ausgestorben sei. So auch Niemann in seinen hörenswerten Ausführungen: das heutige Nacktbaden sei das Gegenteil von Körperbefreiung, da es ihm an einem gedanklichen Überbau fehle. Nacktbaden heute sei Körperinszenierung und ein hedonistisches Phänomen.