Was war mein Leben? (H. Hesse)

kufst

Was war mein Leben, wenn es heut soll enden?
Verträumt? Verloren? Nein, es war ein Ring
Von stillen Freuden, die mit vollen Händen
Ich nahm und weitergab und neu empfing.

Es war ein Liebesbund mit dieser Erde,
Die mich mit ihrer Schönheit tief beglückt
Und immer doch mit mächtiger Gebärde
Mein Ziel hinaus ins Ewige gerückt.

Es war mit Wasser, Bergeswind und Fluren
Ein brüderlicher Bund, der niemals brach,
Mit allen Wolken, die im Blauen fuhren
Und deren Lied von unsrer Heimat sprach.

Mit ihren großen ewigen Gewalten
Hab ich in Treue Brüderschaft gehalten;
Und meine Sünde war in all den Jahren,
Daß sie mir lieber als die Menschen waren.

[Hermann Hesse, 1903]

Anders leben

Wer anders leben will, oder auch nur darüber nachdenkt, empfindet eine Unzufriedenheit mit dem Status Quo. In der letzten Zeit denke ich oft darüber nach, was für mich persönlich Lebensreform jenseits ihrer historischen Dimension bedeutet. Ein Aspekt ist dabei immer wieder das „einfache Leben“, der Konsumverzicht.
Ich habe mir dazu auf Youtube zwei Dokumentarfilme angesehen, in denen alternatives Leben auf unterschiedliche Weise (mit Überschneidungen) umgesetzt wird. Im zwischenzeitlich (Jan. 2018) gelöschten Video “Gutes Leben – ohne Konsum?” werden zwei Familien mit Kleinkindern porträtiert, die das Leben in einer herkömmlichen Wohnung oder gar einem ganzen Haus aufgegeben haben: Familie 1 zog in eine Jurte, Familie 2 baute sich selbst ein sogenanntes „Tiny House“ – beides Wohnmöglichkeiten mit nur einem Raum und wenigen Quadratmetern Wohnfläche. Dabei zieht Familie 2 das aus meiner Sicht bessere Los, indem sie Anschluß an ein alternatives Wohnprojekt findet, während die erstere den ursprünglichen Gutshof verlassen muß und auf einem Campingplatz als Dauercamper (mit Jurte) „landet“. Hier, wie auch im zweiten Film schaue ich mit Bauchgrummeln auf die Kinder, die den Lebensidealen ihrer Eltern „ausgeliefert“ sind (die Tochter der Familie auf dem Campingplatz: “Im Sommer kommen dann die Kinder.”). Die beiden Familien im Film haben noch keine schulpflichtigen Kinder, aber ich kann mir gut vorstellen, daß diese Kinder ähnliche Fremdkörper in der Schule sein werden wie die Kinder der Sannyasin-Gruppe in der Komödie „Sommer in Orange“. Letztlich brauche ich nur auf meine eigenen Kinder und unsere Versuche in alternativer Religion zu schauen: ich bin für mich in ein anderes Fahrwasser abgebogen, aber für die Kinder war dies schwierig. Das Fundament aus Ritualen und Gemeinschaft fiel plötzlich weg… Doch mit den gestern erhaltenen Ethiknoten (beide “sehr gut”) haben wir als Eltern wohl nicht alles falsch gemacht… 😉

Soll auch heißen: “anders leben” als permanentes Verlassen des Ortes, an dem ich jetzt lebe, ist für mich keine Option (mehr).
(Da kommt natürlich noch die Dimension des Geldverdienens hinzu, denn das, was ein für mich angenehmer Lebensstandard ist, kann ich nur durch meine Arbeit aufrechterhalten. Soll auch heißen: dieser erste Film hat Gesellschaftsausstieg zum Thema, was aber nicht unbedingt auch lebensreformerisch sein muß, denn ohne die eigenen Ideale, die eigene Reformation auch in ihren / ihrer gesellschaftlichen Relevanz wahrzunehmen, kann es keine im historischen Sinne lebensreformerische Praxis geben. Beide Familien in diesem Film gehen Sonderwege, nehmen von der Gesellschaft, was noch paßt (Kindergeld …), stehen ansonsten aber außerhalb.) Anders leben weiterlesen

Neue Bücher

Buchneuerscheinung im Campus-Verlag: Matthias MöllerLeben in Kooperation: Genossenschaftlicher Alltag in der Mustersiedlung Freidorf bei Basel (1919-1969)

Buchneuerscheinung im Ibidem-Verlag: Josef HladeAuf Kur und Diät mit Wagner, Kapp und Nietzsche: Wasserdoktoren, Vegetarier und das kulturelle Leben im 19. Jahrhundert: Von der Naturheilkunde zur Lebensreform

Ein sinnerfülltes, gutes Leben

zeitandl“So war die Lebensreform nicht das gänzlich andere der Moderne und auch keine reine Gegenwelt zur wilhelminischen Gesellschaft. Dass sie über sich selbst lachen konnte, zeugt indes davon, dass sie zumindest in Teilen in der Lage war, sich über sich selbst aufzuklären – eine Fähigkeit, die man auch allen gegenwärtigen Lebensverbesserern und Sinnsuchern nur wünschen kann, denn auch wenn die Lebensreform Geschichte ist: Ihre große Frage, wie der Mensch unter den Bedingungen der sich beschleunigenden Moderne ein sinnerfülltes, gutes Leben leben kann, ist heute so aktuell wir vor mehr als hundert Jahren.”

[Joachim Radkau, in: ZEIT Geschichte – Anders leben (2013)]

Das Leben

Heute ist das Bändchen “Vom Sinn des Lebens” von Ludwig Klages (herausgegeben von H. Kern, erweitert u. neu herausgegeben von H. Kasdorff) eingetroffen. Auf den ersten Blick mag ich es: handlich, fester Umschlag in dezentem Beige, schnörkellos – und eine Werkauswahl enthaltend, die mit kurzen Zitaten zum Schmökern einlädt. Ich freue mich aufs Lesen. Hier ein kurzes Zitat:

“Leben wird nicht wahrgenommen, aber es wird mit alles verdunkelnder Stärke gefühlt. Und wir brauchen uns nur auf dieses Gefühl zu besinnen, um der Wirklichkeit des Lebendigseins mit einer Gewißheit innezuwerden, über die hinaus es keine noch gewissere geben kann.”

Der Winter ist da

img23Heute Abend stand wieder Stocklauftraining an, also “Nordic Walking” mit Tempo und dem Ziel, die Ausdauer zu trainieren. Im Stockdunkeln zog ich mich warm an, draußen liegt Schnee. Mit den dicken Winterhandschuhen komme ich kaum in die Schlaufen der Stöcke, und der dicke Schal um den Hals läßt mich stocksteif in der Kälte stehen. Das Thermometer zeigt -8°C. Das ist ja noch gemäßigt, man darf nicht klagen.
Dann im Wald: alles ist still, eine weiße Winterlandschaft, Ruhe, die Sterne leuchten über uns, die Schuhe knirschen im Schnee, die Stöcke machen einen ganz anderen Knirschlaut, die Stirnlampe leuchtet munter 10m voraus.
Unser Atem steht vor den Mündern, das Gesicht ist eisekalt, Wasser gefriert in meinem Bart. Aber ansonsten ist es warm, ich friere nicht, genieße den Abend, sammle Kraft für die Kämpfe, die ich am Horizont für die nächsten Wochen aufziehen sehen kann.
Freiheit – ein ganz großes Wort, aber alles – auch große Worte – fängt klein an – nämlich genau dort im Dunkeln, wo wir durch den Wald laufen.
Die Gedanken gehen zurück zu den Sommertagen, an denen ich mit T-Shirt bekleidet durch den gleichen Wald lief, das dunkle Grün der Buchen als Decke wahrnahm, die mich schützt und einhüllt. Ich schwitzte, der Stoff war naß, ich lachte, holte weit aus und schritt mit noch mehr Intensität meinem Ziel entgegen.
Anders der Lauf in dunkler Winternacht: Ich bin das Leben, das über das Land geht, bin ein stückweit Wilder Jäger, ich lebe, während alles unter weißer Decke schläft oder gar stirbt. Ich trage mein Leben über den Schnee, widerstehe Kälte und Tod in weißer Einsamkeit. Ich bin Garant dafür, daß im Frühjahr neues Leben aus jeder Knospe sprießen wird. Mein federnder Schritt ist Widerstand.