Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille

Der 1875 geborene August Engelhardt kam früh mit Idealen der Lebensreformbewegung (Vegetarismus, Nudismus …) in Kontakt. Gerade was den Nudismus anging, erlebte er im Kaiserreich rechtliche Beschränkungen, die er durch Auswandern aufheben wollte. 1902 begab er sich in die Südsee, konkret auf die kleine Insel Kabakon in Neuguinea. Er siedelte als einziger Weißer dort und ernährte sich ausschließlich von Kokosnüssen, was er Kokovorismus nannte. Ihm folgten einige andere Menschen, so z.B. der Musiker Max Lützow, die in Engelhardts “Sonnenorden” in der Südsee leben wollten. Krankheiten und Zweifel an der psychischen Integrität Engelhardts ließen das kleine Siedlungsprojekt schon nach wenigen Jahren untergehen. 1906 warnte die Zeitschrift Vegetarische Warte vor der Reise nach Kabakon. Bis zu seinem Tod 1919 betrieb Engelhardt Heilpflanzenkunde und homöopathische Untersuchungen; sein Land hatte er als Kokosplantage verpachtet. (s. Wikipedia; Überschrift = Zitat von Engelhardt)

Über diesen August Engelhardt und seine Vision eines “internationalen tropischen Kolonialreiches des Fruktivorismus” gibt es nun einen Roman von Marc Buhl: Das Paradies des August Engelhardt.

Neue Bücher

In der Blogpause im Juli – bzw. seit Mitte Juni und bis heute – sind ein paar neue Bücher eingetroffen, die ich kurz vorstellen möchte:

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In “Barfüßige Propheten” schreibt Ulrich Linse über “Erlöser der zwanziger Jahre”, so der Untertitel. Nach einleitenden Kapiteln werden ausführlich vorgestellt: Friedrich Muck-Lamberty (“Messias von Thüringen”), Max Schulze-Sölde (“Johannes der Jugend”), Ludwig Christian Haeusser (“Geistiger Monarch”). Das Buch stand nicht auf meiner kurzfristigen Wunschliste, aber es war gerade günstig und in sehr gutem Zustand in einem Online-Antiquariat eingestellt worden.

Hermann Poperts Roman “Helmut Harringa” ist ein sehr gut erhaltenes, im blauen Schuber geliefertes und immerhin genau 100 Jahre altes Buch. “Der Harringa” war mir dem Titel nach als “Kultroman” der Lebensreformbewegung bekannt. Ich wußte ansonsten lediglich, daß Popert v.a. antialkoholische Zielsetzungen hatte. Es ist schon ein schönes Gefühl, das alte Buch aus dem Schuber zu ziehen und darin zu blättern. Hier findet sich eine Kurzrezension des “Kultromans der Jugend” (PDF).

“Baden ohne” war in der DDR ein Kultbuch zum Thema Freikörperkultur. Herausgegeben vom VEB Tourist Verlag Berlin Leipzig wird “FKK zwischen Mövenort und Talsperre Pöhl” vorgestellt. Ursprünglich 1982 bereits erschienen, konnte ich ein gut erhaltenes Exemplar der 2. Aufl. 1984 des von Lutz Rackow unter dem Pseudonym Friedrich Hagen verfaßten Werkes ergattern. Den ‘Mövenort’ und andere schöne Plätze habe ich mir im Vorfrühling 2000 auf Rügen erwandert – eine herrliche Zeit. Das Büchlein hat heute nur noch ideellen Wert, aber es ist m.E. doch ein Zeugnis der Geschichte des Nacktbadens in der DDR.

Wege zu Kraft und Schönheit (Film)

1925 kam der UFA-Film “Wege zu Kraft und Schönheit” von Wilhelm Prager in die Kinos. Kraft und Schönheit, zwei programmatische Begriffe für die ersten Dekaden des letzten Jahrhunderts. Wege zu Kraft und Schönheit (Film) weiterlesen

Von Ascona bis Eden

Die Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck gibt eine Schriftenreihe heraus, deren Heft 27 mir durch Zufall bei Ebay aufgefallen ist.
Das 160 Seiten starke, 2006 erschienene Büchlein informiert über ‘Alternative Lebensformen’ (Untertitel), wobei Mühsams eigene Broschüre “Ascona” Ausgangspunkt ist und bereits die ersten 40 Seiten beansprucht. Dieser Text war wohl auch eine Grundlage der 2005er Tagung der Mühsam-Gesellschaft, auf der man sich neben Ascona auch mit Eden, Worpswede / Barkenhoff sowie Gustav Landauers Siedlungsidee befaßte.

Mühsams kurzweilige, 1905 erstmals erschienene Beschreibung Asconas ruft ein lebendiges Bild des Ortes und seiner Bewohner hervor. Natürlich schildert der von den Nazis ermordete politische Aktivist Ascona auch “durch seine Brille”: “Hier weiß das Volk, dass eine Befreiung von allem Staats- und Kirchendruck nur möglich ist durch das Einsetzen jeder einzelnen Persönlichkeit, durch Verweigerung der Arbeitskraft – durch den Auszug auf den heiligen Berg.”
Doch mit allem, was Mühsam sah, war er nicht einverstanden, manches kommentiert er spöttisch. Berühmt wurde sein “Gesang der Vegetarier – Ein alkoholfreies Trinklied“. Carl Gräser, Lotte Hattemer, Elly Lenz, Baron Alexander von Rechenbach-Linden sowie Johannes Nohl werden ausführlicher vorgestellt. Für Mühsam ergibt sich das Fazit, Ascona sei prädestiniert “zu einer Sammlungsstätte solcher Menschen, die infolge ihrer individuell gearteten Veranlagung ungeeignet sind, jemals nützliche Mitglieder der kapitalistischen menschlichen Gesellschaft zu werden.”
Für ihn ist Ascona Zufluchtsort, ein Ort, an dem man menschenwürdig leben kann, auch wenn man dazu alkoholfreie Trinklieder singen muß.

Das Buch umfaßt dann noch Christoph Knüppels Vortrag über Landauer mit Vorstellung einiger “Anarchisten in der Obstbaukolonie Eden” (Carl Tomys, Friedrich Lisowski, Alfred Starke). Gerhard Semper, Vorstandsvorsitzender der Eden-Genossenschaft von 1998 – 2005, sprach über “Eden – eine lebendige Idee (? oder !)”; Ernstheinrich Meyer-Stiens stellt Heinrich Vogeler vor; Siri Hølmebakk geht auf das Schulprojekt Tvind in Dänemark ein; Kirsten Larsen Mhoja gibt eine kurze Einführung in den Freistaat Christiania (1971 – 2005).
(Gerade wenn ich Christiania lese, muß ich an mein Studium zurückdenken, in dem ich mich u.a. mit Methoden der Sozialarbeit befaßt habe. Eine Methode, die Arbeit mit Kollektiven, heißt Gemeinwesenarbeit, seinerzeit ein Schwerpunkt für mich. Und die Gemeinwesenarbeit wurde als “Miljö”-Arbeit gerade in Dänemark geprägt. Auch die Arbeitersiedlung Eisenheim hat mich damals fasziniert.)
Im Buch folgt Stephan Kürles Vorstellung eines Jugendzentrums “Die Alternative” in Lübeck, den Abschluß bildet ein interessanter Text über den Arzt Karl Strünckmann (1872 – 1953). Der Autor Oliver M. Piecha untersucht das “Weltbild eines deutschen Diätarztes” und gibt “Anmerkungen zum Verhältnis zwischen Lebensreform und völkischem Fundamentalismus”. Zitat: “Strünckmann folgte Zeit seines Lebens den oft irritierenden und verschlungenen Pfaden deutscher Sinnsuche zwischen Kritik an der industriellen Moderne, lebensreformatorischen Experimenten und einem unbändigen Wunsch nach spiritueller ‘Ganzheit’.”

Heft 27 der Mühsam-Gesellschaft ist eine kostengünstige Möglichkeit, sich über Siedlungsprojekte sowohl der Lebensreformzeit als auch modernen Ablegern zu informieren. Im Auge sollte man dabei behalten, daß der Schwerpunkt politisch deutlich “links” bis anarchistisch liegt.

Ich heiße Euch hoffen (Buch)

mummert… heißt das neu eingetroffene antiquarische Werk von Oskar Mummert (Philipp Reclam, Leipzig, ca. 1936), Arzt, Schriftsteller, Dramaturg – und Eden-Bewohner. Von Mummert gibt es wohl auch einen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1924 mit dem Titel Allmutter Natur. Auf den Seiten der Eden-Genossenschaft findet sich ein Artikel Mummerts (heute nicht mehr auffindbar) über die ersten Jahre der “Vegetarischen Obstbau Kolonie Eden eGmbH”, die 1893 bei Oranienburg gegründet wurde. Mummert selbst war wenige Jahre nach der Gründung mit dabei.

Im vorliegenden Buch, untertitelt “Der Weg eines Mannes zur Lebensreform” schildert der Autor sein Leben von der Kindheit durch die ‘Kernzeit’ der Lebensreform bis zu den 30er Jahren (Mummert starb 1953). Das Werk ist v.a. auf den Bereich Vegetarismus und Naturheilkunde abgestellt; Mummert berichtet über seine Krankheiten (auch die “Nervosität“, die so charakteristisch ist für Schilderungen aus den ersten beiden Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts), über erfolglose Versuche, diese zu heilen, über die Hinwendung zu natürlichen Heilverfahren – also ein “typischer” Lebenslauf für einen Lebensreformer, das macht das Buch interessant. Mummert hat wohl verschiedenste Verfahren ausprobiert und schildert diese Selbstheilungsversuche im typischen Sprachduktus seiner Zeit. Probe:

“Bei den alten Neuplatonikern gab es eine religiöse Übung ‘Kontemplation‘. Das Wort bedeutet nichts anderes als gesammeltes, tiefbesinnliches Denken, In-sich-Versenken. Eines Tages nahm er sich einen Stuhl, setzte sich, legte die Hände in den Schoß und versuchte, sich einmal ganz gedankenfrei zu machen, aufsteigende seelische Erregungen zu glätten – gleichsam eine Windstille in der Seele herzustellen. Schon nach dem dritten, vierten Versuch packte ihn ein Seufzen, das von tief unten heraufkam, ein Krampfgähnen, das er wie eine tiefe Gehirnerholung empfand. Nach einer halben Stunde war es ihm, als wäre eine schwere Last von ihm geglitten. Diese ‘Sammlung‘ wurde täglich in der Dämmerung wiederholt.”

Hach ja, das ist so ein Buch, das man auf dem Darß, am Strand liegend lesen müßte. Aber ich muß aktuell mit der Webcam vorliebnehmen.

Mummert: “Es gäbe einen Gewinn – wenn viele, am Fuße des Berges Ermattete nach dem Lesen dieses Buches den Mut fänden, den Aufstieg zu wagen – trotz alledem.”

Wurzeln der Umweltbewegung in der Lebensreform

Ein Artikel von Simon Meyer im Webangebot der Blauen Narzisse stellt kurz die Zusammenhänge dar: Es waren eher konservative Denker, die zu Anfang des Jahrhunderts Umweltgedanken im Rahmen der Lebensreform thematisierten. In den 1970ern jedoch erkannte man die Aktualität dieser Gedanken, was zur Gründung der Grünen führte, wobei auch hier konservative Denker mit am Start waren (Herbert Gruhl, Baldur Springmann), sich aber bei zunehmendem Linksruck der Partei “ausklinkten”.