Gedanken zu: Amon Barth – Einfach loslassen

Amon Barth hat an der Filmakademie Baden-Württemberg seinen Diplom-Film vorgelegt, der im Oktober 2017 beim Südwestrundfunk ausgestrahlt wurde. Doch der Titel “Einfach loslassen – Weniger besitzen als Lebensentwurf” ist vielleicht ein wenig irreführend, denn es geht um viel mehr als nur die Anzahl materieller Dinge, mit denen man sich umgibt.

Ausgangspunkt ist vor allem die Gefühlswelt des Regisseurs, der viele Dinge in Wohnung und Keller gehortet hat, aber auch viel innerlichen Ballast mit sich herumschleppt. Wenn er davon erzählt, wie er als Kind fast jede Woche neue Spielzeugautos bekam, oder auch von Frustkäufen berichtet, dann kann ich das sehr gut nachvollziehen: auch meine Kindheit war materiell mehr Haben als Sein. Mag sein, daß es daran liegt, daß man als Kind der späten Sechziger in eine Zeit hineinwuchs, in der die Eltern sich beruflich etabliert hatten und die gesamte Gesellschaft vom Wirtschaftswunder prosperierte. Ich habe dieses “Viel-Besitzen” nie in Frage gestellt. Erst als ich mit einer Freundin auf dem elterlichen Speicher war und sie die Kisten voller Playmobil und Lego sah – und dabei zu weinen begann, weil sie nie soviel wie ich als Einzelkind gehabt hatte, da begann ich, meine Lebenswelt in Frage zu stellen.  Gedanken zu: Amon Barth – Einfach loslassen weiterlesen

Anders leben

Wer anders leben will, oder auch nur darüber nachdenkt, empfindet eine Unzufriedenheit mit dem Status Quo. In der letzten Zeit denke ich oft darüber nach, was für mich persönlich Lebensreform jenseits ihrer historischen Dimension bedeutet. Ein Aspekt ist dabei immer wieder das „einfache Leben“, der Konsumverzicht.
Ich habe mir dazu auf Youtube zwei Dokumentarfilme angesehen, in denen alternatives Leben auf unterschiedliche Weise (mit Überschneidungen) umgesetzt wird. Im zwischenzeitlich (Jan. 2018) gelöschten Video “Gutes Leben – ohne Konsum?” werden zwei Familien mit Kleinkindern porträtiert, die das Leben in einer herkömmlichen Wohnung oder gar einem ganzen Haus aufgegeben haben: Familie 1 zog in eine Jurte, Familie 2 baute sich selbst ein sogenanntes „Tiny House“ – beides Wohnmöglichkeiten mit nur einem Raum und wenigen Quadratmetern Wohnfläche. Dabei zieht Familie 2 das aus meiner Sicht bessere Los, indem sie Anschluß an ein alternatives Wohnprojekt findet, während die erstere den ursprünglichen Gutshof verlassen muß und auf einem Campingplatz als Dauercamper (mit Jurte) „landet“. Hier, wie auch im zweiten Film schaue ich mit Bauchgrummeln auf die Kinder, die den Lebensidealen ihrer Eltern „ausgeliefert“ sind (die Tochter der Familie auf dem Campingplatz: “Im Sommer kommen dann die Kinder.”). Die beiden Familien im Film haben noch keine schulpflichtigen Kinder, aber ich kann mir gut vorstellen, daß diese Kinder ähnliche Fremdkörper in der Schule sein werden wie die Kinder der Sannyasin-Gruppe in der Komödie „Sommer in Orange“. Letztlich brauche ich nur auf meine eigenen Kinder und unsere Versuche in alternativer Religion zu schauen: ich bin für mich in ein anderes Fahrwasser abgebogen, aber für die Kinder war dies schwierig. Das Fundament aus Ritualen und Gemeinschaft fiel plötzlich weg… Doch mit den gestern erhaltenen Ethiknoten (beide “sehr gut”) haben wir als Eltern wohl nicht alles falsch gemacht… 😉

Soll auch heißen: “anders leben” als permanentes Verlassen des Ortes, an dem ich jetzt lebe, ist für mich keine Option (mehr).
(Da kommt natürlich noch die Dimension des Geldverdienens hinzu, denn das, was ein für mich angenehmer Lebensstandard ist, kann ich nur durch meine Arbeit aufrechterhalten. Soll auch heißen: dieser erste Film hat Gesellschaftsausstieg zum Thema, was aber nicht unbedingt auch lebensreformerisch sein muß, denn ohne die eigenen Ideale, die eigene Reformation auch in ihren / ihrer gesellschaftlichen Relevanz wahrzunehmen, kann es keine im historischen Sinne lebensreformerische Praxis geben. Beide Familien in diesem Film gehen Sonderwege, nehmen von der Gesellschaft, was noch paßt (Kindergeld …), stehen ansonsten aber außerhalb.) Anders leben weiterlesen