Vom Dissens zum Heilsversprechen

Ich habe Zieglers Einführung in die Nacktkultur in “Nackt unter Nackten” zwar kritisiert, dennoch möchte ich zwei Sätze daraus zitieren, die recht treffend sind, was die Einbettung des Naturismus in die Lebensreform-Bewegung angeht (Dissens im Original als ‘Dissenz’ geschrieben):

“Da verbindet sich also ein fundamentaler Dissens (alle leben falsch) mit einer sophistischen Kritik (wer sich kleidet, ist eigentlich lüstern), die ein pädagogisches Konzept hervorbringt (alle sollen nackt sein etc.), das ein Heilsversprechen mit sich trägt (ein Leben in Aussöhnung mit der Natur). Der Dissens war Zeitgeist: die Menschen fühlten sich durch die Beschleunigungsprozesse von Industrie und Kapital bedroht.”

Nackt unter Nackten (Buch)

buch052Ulf Erdmann Ziegler ist in den letzten Jahren durch seine Romane bekannt geworden, die er erst recht spät publiziert hat. Laut Wikipedia war “Nackt unter Nackten – Utopien der Nacktkultur 1906 – 1942” seine erste Publikation. Das Buch besteht zu einem Drittel aus der von Ziegler verfaßten Einführung in die Nacktkultur und zu zwei Dritteln aus Schwarzweiß-Fotografien aus der “Sammlung Scheid”. Das mir vorliegende Buch ist die Lizenzausgabe für die Manfred-Pawlak-Verlagsgesellschaft von 1992.

Um es vorweg zu sagen: der Wert des Buches liegt in den Fotografien, die die Nacktkultur aus den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zeigen. Zieglers Einführung hingegen ist so tendenziös geschrieben, daß man sie ganz klar nicht empfehlen kann. Nackt unter Nackten (Buch) weiterlesen

Als die Nackten an die Ostsee kamen (TV)

In der Reihe “Unsere Geschichte” sendete der NDR am 10.8.11 eine 45minütige Dokumentation über – hauptsächlich – die FKK-Bewegung in der DDR an der Ostsee, allerdings mit kleinen Abstechern zum Motzener See und zum “West-FKK”, das ein wenig blaß und “vereinstümelnd” dargestellt wurde. Der Film lebte v.a. von den plastischen Schilderungen der heute schon etwas älteren Herren, die seinerzeit Prerow unsicher gemacht haben, und natürlich dem 8mm-Filmmaterial.

Prerow, der FKK-Zeltplatz in den Dünen auf dem Darß, wurde besonders erwähnt. Aus den Beschreibungen ergab sich das Bild eines unpolitischen Badelebens v.a. jüngerer Leute: der FKK-Zelturlaub an der Ostsee sei wie das Leben in einer “Kommune” gewesen. Gegen Spanner ging man vehement vor, entriß ihnen die Filme, allerdings filmte man sich selbst, was offenbar toleriert wurde. Sexualität sei öffentlich kein Thema gewesen, was jedoch abends in den Dünen passierte, sei Privatsache gewesen. Ein Protagonist meint, viele Ehen seien Folge eines Kennenlernens am Ostseestrand; ebenso seien viele Kinder in Prerow gezeugt worden.

West-FKK kommt leider nur in Aufnahmen von einem geschlossenen Gelände fern des Meeres vor. Man sieht v.a. ältere Menschen, es wird auf den Nachwuchsmangel hingewiesen. In der direkten Gegenüberstellung wirkt das ein wenig einseitig (so ein wenig “DDR-zwangsnostalgisch”), obgleich ich glaube, daß das von den Machern, Matthias Vogler und Gudrun Brigitta Nöh, nicht unbedingt so beabsichtigt war. Denn daß FKK auch im Osten nicht mehr die Anhängerschaft wie vor 30-40 Jahren hat, ist Fakt.

Unter den seltenen FKK-Dokus im Fernsehen ist dies eine der besseren.