Vom Leben im Zelt

Nun habe ich zwei Wochen in einem Zelt gelebt, in dem mich nur zwei dünne Nylon-„Wände“ von der Außenwelt trennten. Der Wind hat das Zelt durchgerüttelt, ist lautstark durch die Birkenkronen über ihm gefahren, der Regen – und gerade der Gewitterregen – hat mit großem Lärm auf unser Dach „geklopft“. Frische Luft wehte durch das Zelt und morgens, wenn man zum ersten Mal rauskam, stand man gleich unter dem weiten Himmel, sah nach oben, prüfte das Wetter. Das Leben im Zelt ist eine großartige Naturerfahrung, aber ich glaube auch, daß es noch mehr ist. Es verändert die Art, wie wir unsere Umwelt sehen.

Ich merke das jetzt, da ich seit Nächten schlecht im gewohnten Bett schlafe. Ich habe das Gefühl, Wände und Decke engen mich ein. Die Luft im Haus ist trotz ständig offener Fenster „abgestanden“, das merkte selbst meine Frau heute morgen an, als wir in die Küche kamen. Das massive Haus wird in meiner Empfindung zu einer Einengung. So fällt mir gerade auf, daß ich heute noch nicht draußen war. Ich weiß gar nicht, wie kühl es ist oder wie die Luft heute riecht. Im Urlaub bin ich abends müde in meinen Schlafsack gekrochen und nur kurz beim Drehen im engen Mumienschlafsack aufgewacht, aber wieder tief eingeschlafen. Hier im Bett wälze ich mich herum, höre die Geräusche von draußen, fühle mich aber doch davon getrennt.
Ich frage mich, wie die Seßhaftwerdung des Menschen im Rahmen der „neolithischen Revolution“ auch das Bewußtsein von Naturnähe beeinflußt haben mag. Es hat sich ja einiges zum Negativen verändert, wie die Wikipedia-Seite zur neol. Revolution berichtet:

„Die Skelettfunde aus dem Neolithikum belegen, dass die Körpergröße der Menschen in dieser Phase deutlich abnahm, was Rückschlüsse auf ihren Ernährungsstatus zulässt. Die Lebenserwartung sank deutlich im Vergleich zum Paläolithikum. Nachweislich erkrankten wesentlich mehr Menschen als vorher, vor allem an Infektionen. Die meisten dürften durch häufigen und engen Kontakt mit Vieh nach Einführung der Viehzucht entstanden sein; innerhalb größerer Populationen vermehren sich die Erreger und sterben nicht aus wie in kleinen Gruppen. Masern sollen ihren Ursprung in der Rinderpest haben.“

Und so rankte sich das religiöse Empfinden dieser Menschen v.a. um den Tod, so daß Ina Mahlstedt in ihrem Buch „Die religiöse Welt der Jungsteinzeit“ fragt: „Ist das ein Totenkult, also ein Kult, der dem Tod huldigt?“ Nicht zuletzt können wir heute noch die Reste der Grabanlagen (s. Stonepages.de), die Hünengräber und Dolmen, bestaunen.

War die mittlere bzw. ältere Steinzeit, in der der Mensch vorwiegend nomadisch lebte, in dieser Hinsicht anders? Ich weiß es nicht, glaube aber doch, daß das Bedürfnis nach Schutz schon immer da war – egal, ob man sich nun in einer Höhle „verkriecht“ oder sich ein Dach über dem Kopf baut. Allein das Herumkommen, das Herumschweifen in größeren Regionen, das entgeht dem Seßhaften, der sich ja intensiv um Felder und Vieh kümmern muß, ab. „Reisen bildet“, das sagen wir heute noch, es eröffnet Horizonte, auch im übertragenen Sinne. Und im übertragenen Sinne ist es dieser „Mief“, der sich in Behausungen ansammelt, der „Haus und Herr“ verstauben läßt. Häuser werden Rückzugsräume, werden zu Bunkern für das Ich. Frische Luft, Weite, Horizonte, das alles läßt uns heute eine entsprechende Freizeit- bzw. Urlaubsgestaltung als Ausgleich zum Alltagsleben erfahren.

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