Woran geht die Freikörperkultur zugrunde?

Ein Artikel, den ich in der letzten Woche gelesen habe, hat mich doch noch länger beschäftigt. Es war der in der Sylter Rundschau über das „Ende der Freikörperkultur„. Während die Kurzzusammenfassung unter dem Titel noch von „kürzeren Urlauben“ als Grund (neben Handy-Kameras und Strandbistros) spricht, taucht dieser Aspekt im Text nicht mehr auf: da kommt als drittes Element „Die Erziehung“ hinzu. Über die kürzeren Urlaube kann man also nur spekulieren: soll damit gemeint sein, daß sich nur Menschen, die gleich 3 oder 4 Wochen ans Meer fahren, auf die FKK einlassen können? Ich habe keine Ahnung was damit gemeint ist.

Aber die anderen beiden Aspekte finde ich interessant. Das mit den Strandbistros leuchtet ein: sofern dies Bistros sind, die sich v.a. an angezogene Touristen wenden, die mal Meer und mehr sehen wollen, ist es klar, daß solche Spanner-Szenarien der FKK das Wasser abgraben. Ich glaube aber, daß der andere Aspekt, die Handy-Kameras, viel wichtiger ist. Und nicht nur das, man schaue sich typische kleine Digitalkameras an, die haben z.T. schon 10fache Vergrößerung (optisch) und mehr. Aber die Handys sind eine ganz andere Nummer.

Heute war ich mit 9 Kindern zwischen 10 und 12 unterwegs. Gut 75% davon haben ein Smartphone dabei, einige auch mit Internetzugriff. In Pausen zücken alle gleich ihr Handy, tippen, tauschen Kontakte u.ä. aus. In unserer Nähe saß eine auffällige Frau, die sich künstliche Fingernägel anklebte. Meine Jungs und Mädels waren fasziniert – und fotografierten sie heimlich. Ich bekam das erst später im Auto mit, als ein Mädchen sagte: „Boh, habt ihr das gesehen, wie die sich in aller Öffentlichkeit die Nägel machte?!“ Und weiter: „Ich hab die gleich mal fotografiert …“ Soviel zum Thema Persönlichkeitsrechte und Recht am eigenen Bild.

Heißt also für unser Thema: Wer heute mit Gleichaltrigen an den FKK-Strand geht, muß davon ausgehen, daß ihn irgendjemand fotografiert oder filmt. Ist ja auch spaßig, das dann in der Schule vorzuführen – nicht. Aber selbst das muß man nicht mehr: dank Fratzenkladde und Co. sind auch solche Bilder bzw. Filme in Sekundenschnelle online.
Persönlich sehe ich das entspannter: ich hätte z.B. kein Problem damit, wenn die Familie, mit der wir in Urlaub fahren, von mir Bilder aufnimmt, also so im Sinne von Strandfotos zur Erinnerung. Umgekehrt respektiere ich das „Fotoverbot“ an FKK-Stränden und fotografiere dort gar nicht – es sei denn, wir sind mehr oder weniger allein und es sind keine anderen Leute am Strand.

Noch mal zum Artikel zurück: Ist es die Erziehung? Ja, ich glaube schon. Wer nie mit Eltern nackt badete, wird das nicht kennenlernen und später auch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht dahin tendieren. Wer das aber kennt, wird evtl. mit seinen Kindern (oder guten Freunden) FKK praktizieren.
Sind es die Strandbistros? Jein, denn das ist vielleicht ein wenig zu sehr auf Sylt beschränkt. An der Ostsee habe ich solche Settings nicht erlebt.
Sind es letztlich die Smartphones und Digital-Kameras? Jein, eher nur für eine bestimmte Altersgruppe, die ich mal grob mit „unter 30“ ansetzen würde.

Letztlich umkreisen alle drei Punkte (+ der ominöse Punkt 4 „kürzere Urlaube“) immer wieder das Thema „Nacktheit ist etwas besonderes“. Das wiederum hat nichts mit Strandbistros und Kameras zu tun, sondern mit Erziehung und mit gesellschaftlichen Aspekten. FKK stirbt nicht aus, weil es nun Handy-Kameras gibt, aber ich kann schon verstehen, wenn man darin einen Katalysator sieht. FKK stirbt aus, weil „natürlich nackt“ nicht mehr „in“ ist, weil man sich schämt, nackt zu sein, während mal gleichzeitig hochaufreizende Kleidung anzieht. Manchmal drängt sich mir die Formulierung auf: Man muß stark (selbstbewußt) genug für FKK sein. Man muß in de Lage sein, seinen nicht perfekten Körper nackt anderen Menschen zu zeigen. Das wiederum erinnert mich an einen Saunabesuch vor einiger Zeit: Da lag ein Mann mit 20 anderen Leuten in einer Großraumsauna, dem rechter Arm und rechtes Bein amputiert waren. Der zog alle Blicke auf sich, was ihm aber sichtlich egal war.

In diesem Sinne muß man verstehen, was FKK nicht ist: Ausstellung von Knackärschen, Stehtitten, mit Salzlösung aufgeblähter Säcke, Schamlippenpiercings usw. FKK ist reine Nacktheit, nur darum geht es, egal ob die Brüste schlaff hängen oder der Sack die Bezeichnung „alter Sack“ auf den ganzen Menschen auszuweiten nahelegt. Und in diesem Sinne stirbt FKK auch an Eitelkeit.

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